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„Zentrum gegen Vertreibung“ : Vergleichen ohne aufzurechnen

Beispielhaft dokumentiert die Berliner Ausstellung „Erzwungene Wege“ das Schicksal von Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen in Europa. Die Schau ist ein anstrengendes Abenteuer, fernab der befürchteten Umdeutung der Geschichte.

          5 Min.

          Man sieht, wie sie ihr Hab und Gut, meist nicht viel, in Säcken, Koffern und Kisten verstauen. Matratzen werden aus Häusern geschleppt, Stühle zusammengebunden. Dann Schnitt, der Hafen von Pola, riesige Gepäckberge, die Stühle wieder, Fenster, die man aus den Häusern ausgebaut hatte. Davor Kinder, Frauen und Männer, junge, alte, erstarrt die einen, weinend die anderen. Särge stehen aufgereiht am Pier. Dahinter das Schiff, die „Toscana“, die sie bald über die Adria bringen wird, hinüber nach Italien, weg aus Pola, das einmal Italien und ihre Heimat war und heute Pula heißt.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Man schreibt das Jahr 1947, und dieser nur minutenlange Wochenschaufilm, eines der seltenen Dokumente vom Auszug der italienischen Bevölkerung aus Istrien und Dalmatien, zeigt bei allem Unglück noch den besseren Teil dieser Tragödie. Sie forderte Zehntausende grausam ermordeter Opfer, die meisten in den Karstschlünden bei Triest verschwunden, und bedeutete für Hunderttausende den Verlust der Heimat und des Besitzes.

          Strandgut der Geschichte

          Als das letzte Schiff abgelegt hatte, war Pola eine fast leere Stadt, die Vertriebenen haben sogar die Toten mitgenommen und das Standbild des römischen Kaisers Augustus. In die Geisterstadt rückten Titos Partisanen ein, vor deren Terror die Menschen geflohen waren. Es hat nach 1945 schrecklichere Szenen gegeben als diese, damals, als die neuen Grenzen Jugoslawiens gezogen wurden. Darüber ist nachzulesen an der Wand vor der Hörstation im „Europaraum“ der Ausstellung „Erzwungene Wege - Flucht und Vertreibung im Europa des zwanzigstenJahrhunderts“. Die Hörstation steht ungefähr da, wo die auf dem Boden ausgebreitete Landkarte Europas die Adria zwischen Italien, Kroatien und Slowenien zeigt. Andere Stationen mit Filmen und Zeitzeugeninterviews stehen da, wo früher Deutsche lebten oder Griechen oder Armenier oder Polen oder Ukrainer.

          Der griechische Zypriot Loizos Afxentiou nahm 1974 bei der Vertreibung als einziges Spielzeug dieses Matchboxauto aus dem Haus der Familie in Famagusta mit

          In einem der angrenzenden Räume ist die Fortsetzung der italienischen Geschichte zu sehen: ein verstaubtes Buffet, noch in die grob zusammengezimmerte Holzkiste gesperrt, eine Wagnerbüste, ein wackliger Kinderwagen, die zusammengebundenen Stühle. Ausgeliehen aus Triest für die Ausstellung im Berliner Kronprinzenpalais, die gestern eröffnet worden ist. Sie gehören zum Inventar eines Lagerhauses im Freihafen, das achtzehntausend Kubikmeter Strandgut der Geschichte birgt: Zeugnisse einer seit sechzig Jahren untergegangenen Kultur. Eine von vielen. Ihre Besitzer verbrachten Jahre in überfüllten Flüchtlingslagern, wo für Möbel kein Platz war. Viele wanderten nach Übersee aus, und für den Transport ihrer Habseligkeiten fehlte ihnen damals das Geld.

          Jede Vertreibung ist gleich schlimm

          Ist das die Umdeutung der Geschichte, die dem „Zentrum gegen Vertreibungen“ seit Jahren im Lande, aber auch in Polen und Tschechien unterstellt worden ist? Wer sich Zeit nimmt und die Zeitreise durch das schreckliche zwanzigste Jahrhundert im „Europaraum“ der Ausstellung beginnt, kann sich vom Gegenteil überzeugen. Sofern man dazu bereit ist. Hier werden, mit den Massakern an den Armeniern im Osmanischen Reich beginnend, bis zu den ethnischen Säuberungen in Bosnien in den neunziger Jahren, neun exemplarische Fälle für die Vertreibung von Millionen Menschen in Europa dokumentiert. Der historische Kontext ist kompliziert, jedenfalls nicht so eindimensional, wie der Stiftung immer unterstellt wurde, als deren Kritiker das Konzept noch beharrlich ignorierten.

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