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Flüchtlingsdebatte : Die Obergrenze für Wörter

Montags in Dresden: Die israelisch-deutsche Freundschaft, die sich so gut benutzen lässt für den Hass und die Hetze. Bild: dpa

Der neue deutsche Glaubenskampf findet sein Opfer. In dieser Woche war es der Präsident des Zentralrats der Juden. Was Josef Schuster über Flüchtlinge gesagt hat und was behauptet wurde, dass er es gesagt habe – eine Klärung.

          5 Min.

          Es gibt einen Glaubenskampf in diesem Land. Nicht zwischen Juden, Christen und Muslimen. Sondern zwischen denen, die Flüchtlinge zu ihrem Satan oder ihrem Gott erklären. Die einen sagen, dass Flüchtlinge Deutschland nur Probleme bringen, die anderen leugnen, dass Flüchtlinge Deutschland auch Probleme bringen. Beides ist etwas einfach. Aber es geht sehr oft sehr einfach zu in dieser Zeit, ganz schwarz oder ganz weiß. So wie auch in der letzten Woche, als ein Portrait von Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, in der Zeitung „Die Welt“ erschien. In einem Restaurant hat Schuster sehr gemütlich rumgesessen und erzählt – von sich, aber auch von den anderen. Und das ging so: „Viele der Flüchtlinge fliehen vor dem Terror des ,Islamischen Staates’ und wollen in Frieden und Freiheit leben, gleichzeitig aber entstammen sie Kulturen, in denen der Hass auf Juden und die Intoleranz ein fester Bestandteil ist.“

          Anna Prizkau
          Redakteurin im Feuilleton.

          Wozu dieses Zitat eines Zitats? Muss man sich jetzt mit dem Judenhass in Syrien und im Irak beschäftigen? Eher nicht, da sonst Pegidaisten aus diesem Text zitieren könnten. Und dann der Image-Schaden! Irgendwie will man es aber wissen: Hat Josef Schuster recht? Vielleicht wäre die Lösung, irgendjemanden zu fragen, der den Wir-sind-das-Volk-Bewegten nicht ganz so gut gefallen würde. Doch im Moment gefallen diesen Typen alle, die sich für ihre Get-togethers gut benutzen lassen. Auch Josef Schuster, dessen Worte seit Montag auf der Facebook-Seite von Pegida leuchten. Deshalb Ratlosigkeit. Und trotzdem dann das Antwort-Suchen in einer Staats-Bibliothek.

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          Judenhass in Syrien aus Europa importiert

          Im „Handbuch des Antisemitismus“ erfährt man über Syrien zum Beispiel, dass der wachsende Einfluss der europäischen Kolonialmächte die Verbreitung antijüdischer Polemiken beförderte. Und dass sich bereits Mitte des 19. Jahrhunderts die wachsende Feindseligkeit den Juden gegenüber in der Veröffentlichung antisemitischer Pamphlete zeigte, „die von christlichen Autoren aus europäischen Sprachen ins Arabische übertragen wurden“. Aha, Judenhass in Syrien war auch ein europäischer Import, das würde Bachmann nicht gefallen.

          So liest man fast erleichtert weiter, liest aber, dass es nach der Unabhängigkeit 1946 auch anders zuging in dem Land. Und dann kam Israel und auch ein neuer, großer Hass. In Syrien lebt Antisemitismus bis heute noch im Alltag, in Medien, Schulbüchern, im Lehrplan. Zahlen über den Judenhass im Nahen Osten gibt es im Handbuch aber nicht, die gibt es nur in den Statistiken der Anti-Defamation League (ADL), einer jüdisch-amerikanischen Organisation, die gegen die Diskriminierungen von Juden eintritt und über die Diskriminierungen forscht. Weil diese Organisation nun amerikanisch ist, also auch ein Pegida-Feind, kann man die ADL-Forschung ohne Bedenken kurz erwähnen: Der größte Judenhass der Welt wohnt, irgendwie klar, im Gebiet Nahost-Nordafrika, 74 Prozent seien da Antisemiten.

          Alles Unmögliche brach nieder über Schuster

          So hatte Schuster also recht mit seinem Satz. Und in seinem Amt hatte er auch die Aufgabe, ihn dann genauso auszusprechen. Und dennoch musste man in dieser Woche denken: unglücklicher und armer Josef Schuster! Alles Unmögliche und Mögliche brach nieder über ihn: Rassist, Rassist, Rassist!, brüllte zuerst das Internet. Schuster sei voll Pegida! Schuster, der nächste Kandidat des Eurovision Song Contests! Oder noch nazihafter dann: „Die Vermittlung ’unserer Werte’ hat bei Schuster offensichtlich auch nicht geklappt“, schrieb ein Volontär der „Christ & Welt“ auf der Facebook-Seite von Özlem Topçu. Was hat der Christ-Welt-Kopf denn da gemeint? Dass Schuster, dessen Familie seit vielen Jahrhunderten in Deutschland lebt, die deutschen Werte lernen muss?

          Ähnlich seltsam und noch viel lauter brüllte es weiter auf „taz-online“ rum. Genauer war es Armin Langer, Student des Potsdamer Rabbinerseminars, der nicht nur brüllte, sondern auch noch gleich vorgeschlagen hatte, dass der Zentralrat sich in einen „Zentralrat der rassistischen Juden“ umbenennen sollte. Einen anderen Vorschlag machte Langer dann auf Facebook, eine Veranstaltung, die „Nicht in unseren Namen – Juden gegen Rassismus“ hieß. Das hätte man sich gut entgehen lassen können, doch irgendwie auch nicht: Ungefähr sechzig Menschen standen da „gegen den Rassismus“ am Dienstagabend in Berlin, schräg gegenüber die Neue Synagoge, über ihr der Vollmond in einem Zuckerwattenebel. „Schuster is a big Schmock with a small Schmock“, sagte zu Anfang gleich Jasmin, eine Israeli, die seit fünf Jahren in Berlin lebt. Dann sagten auch noch viele andere etwas in einen Lautsprecher hinein, doch klar war da noch nicht, ob die das Portrait Josef Schusters überhaupt gelesen hatten.

          In diesem Chor dann Armin Langer. Auch er hatte den Schuster-„Welt“-Text anscheinend nicht gelesen. Denn er behauptete, dass Schuster da behauptete, Antisemitismus sei ein ethnisches Problem. Doch Schusters Unglücks-Satz ging anders. In dem Artikel wurde der Präsident gefragt, ob er die Integration der früheren muslimischen Einwanderer in Deutschland für gelungen halte. Darauf dann Schuster: „Ist es wirklich eine Frage der Religion? Wenn ich mir die Orte und Länder in Europa anschaue, in denen es die größten Probleme gibt, könnte man zu dem Schluss kommen, hier handele es sich nicht um ein religiöses Problem, sondern um ein ethnisches.“

          Das Zauber- und das Totschlag-Wort „die Obergrenze“

          Integration oder Antisemitismus? Ist absolut egal. Es geht um Flüchtlinge, da geht es nicht um die Details. Doch die Details sind oft fast spannend, zum Beispiel dieses: Schon vor sehr vielen Monaten und Wochen haben nicht nur Schuster, sondern auch andere prominente Juden in Medien gesagt, dass sie schon Sorgen hätten, weil viele Flüchtlinge mit Hass auf Israel und Juden aufgewachsen seien. Das alles ähnelte dem neuesten Schuster-Satz. Doch damals gab es kaum Reaktionen und keine große Diskussion. Denn für den Antisemitismus interessieren sich die meisten Deutschen einfach nicht. Es sei denn, es geht um den Antisemitismus der alten, toten Nazis. Oder um irgendeinen noch nicht toten Prominenten, dem man vorwerfen kann, Antisemit zu sein.

          Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden
          Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden : Bild: dpa

          Warum also die ganze Schuster-Hysterie in dieser Woche? Weil Josef Schuster ein Zauberwort benutzt hat: „die Obergrenze“. Und jeder, der nur einmal „Obergrenze“ sagt, verwandelt sich angeblich in eine Ausgeburt Pegidas oder Horst Seehofer persönlich. Wie kann nur „ausgerechnet“ Josef Schuster so was sagen? Und „gerade“ Josef Schuster müsste es ja besser wissen, hieß es in Online-Kommentaren. Warum aber wurden die Worte „ausgerechnet“ und „gerade“ in diesem Kontext so strebsam-sorgsam ausgeschrieben? War es vielleicht Rassismus, aber positiv: Juden müssen bessere Menschen sein als andere? Oder ging die Logik so: Weil Juden im Holocaust kein Asylrecht hatten, dürfen sie jetzt nichts Falsches gegen das Asylrecht sagen?

          Nun muss man sich nicht in die Köpfe von Netzkommentatoren denken, die wird man eh niemals verstehen. Über den Glauben müsste man sich aber schon Gedanken machen. Diesen einen Glauben, der Flüchtlinge zu Göttern macht. Und auch den anderen, der sie zu Teufeln werden lässt. Jedes Gespräch um sie, die Menschen, die aus ihren Ländern fliehen müssen, wird aufgeladen mit religiöser, großer Propaganda. Die Kinder dieser Propagandasprache, so wie das Zauber- und das Totschlag-Wort „die Obergrenze“, Begriffe wie „Willkommenskultur“ und auch „Wir schaffen das“, die Quasi-Sozialisten-Losung, machen es immer schwieriger, unideologisch über Flüchtlinge zu sprechen. Die Worte gehen aus. Vielleicht wird man bald auch nicht mal „Antisemitismus“ sagen können. Denn Flüchtlingsfundamentalisten, die Schuster diese Woche mit ihren neu-erdichteten und kryptojudenfeindlichen Rassismus-Vorwürfen bewarfen, haben das Wort missbraucht. Die Buchstaben des Antisemitismus sind jetzt schon leicht verfärbt, fangen an, ihre Bedeutung zu verlieren.

          Wer sind die Opfer in dem neuen Glaubenskampf?

          Aber nicht nur die Sprache ist einer der Geprügelten im neuen Glaubenskampf, auch Flüchtlinge sind es. Denn wenn man über Flüchtlinge so redet, spricht man nicht über Menschen, denkt sie sich nicht als Menschen. Übergestalten spielen sie. Und so kann man an ihnen auch alles abarbeiten, was es abzuarbeiten gibt. Alle Probleme, Wünsche, Sorgen der Gesellschaft. Zum Beispiel den Rassismus. Die Furcht vor Kriminalität. Die Toleranz. Die Angst vorm Terrorismus. Und jetzt das scheinbar sehr geklärte deutsch-jüdische Verhältnis, was gar nicht so geklärt ist, wie diese Woche zeigte.

          Und jetzt? Was ist die Lösung? Da es sehr einfach ist, in einem Text etwas zu fordern, könnte man einfach fordern, Flüchtlinge nur noch als Menschen zu verstehen. Und irgendwann vielleicht, wenn alles ausgesprochen ist, wird es so kommen. Vielleicht aber auch nicht. Sehr sicher wird es in diesem neuen deutschen Glaubenskampf weiter ein Opfer nach dem anderen geben. In dieser Woche war es Josef Schuster.

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