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Kommentar zur Zensur in China : n=Xi²

  • -Aktualisiert am

Ein Fall für die Zensur: Staatspräsident Xi Jinping besteigt ein Flugzeug. Bild: dpa

Chinas Internetzensur wird immer aberwitziger. Einzelne Buchstaben wie das „n“ werden als Zeichen verboten. Gesellschaft und Staat liefern sich ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem nur die Sprache verlieren kann.

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          Man kann die Tätigkeit der chinesischen Zensurbehörden auch als fortlaufendes Experiment verstehen: Wer wird beim Wettlauf zwischen der menschlichen Intelligenz der Gesellschaft und der Künstlichen Intelligenz des Staates auf Dauer siegen? Erst einmal sieht es so aus, als hätte die menschliche Intelligenz keine Chance. Wann immer ein Thema die Internetöffentlichkeit erregt, wirft der Staatsapparat seine Algorithmen an, um möglicherweise gefährliche Botschaften mittels Stichworterkennung zu identifizieren und unschädlich zu machen.

          Wie gründlich und umsichtig die Maschinen dabei auf die Findigkeit der Blogger reagieren, inkriminierte und daher gesperrte Begriffe stets von neuem zu umgehen, kann man gerade besonders deutlich sehen. Die Verfassungsänderung, welche die Begrenzung der Präsidenten-Amtszeit aufhebt, hat viele Menschen im chinesischen Netz zum Protest gereizt. Nun sind es aber keineswegs bloß Worte oder Sätze, denen man das Kritische von vornherein ansieht, die vom Mikrobloggerdienst Weibo, dem chinesischen Twitter, gelöscht werden, Suchbegriffe also wie „Personenkult“ oder „schöne neue Welt“.

          Der Buchstabe „n“ als verbotenes Zeichen

          Wie die amerikanische Website „China Digital Times“ bei ihren Langzeitbeobachtungen der Zensoren dokumentiert, werden auch Wendungen gesperrt, die vom Staatspräsidenten höchstpersönlich stammen – etwa „Die Ärmel hochkrempeln“ aus einer Neujahrsansprache –, hinter denen sich dann aber subversive Botschaften verstecken. Oder die Schriftzeichen für „Ein Flugzeug besteigen“, die auf Chinesisch genauso ausgesprochen werden wie „Den Thron besteigen“. Ein weiterer Typus gesperrter Suchbegriffe betrifft indirekte Anspielungen auf Produkte der Populärkultur, zum Beispiel „Disney“. Die Marke steht für die Cartoons von Winnie the Pooh, die im chinesischen Netz aufgrund einer gewissen physiognomischen Ähnlichkeit mit dem Parteichef sehr beliebt sind. Oder der Satz „Ich bin bereit, für den Rest meines Lebens Vegetarierin zu werden“, welcher der Szene aus einer Fernsehserie entnommen ist, in der eine Kaiserin gelobt, als Buddhistin lebenslang auf Fleisch zu verzichten, falls der Kaiser augenblicklich stirbt. Und sogar der lateinische Buchstabe „n“ hat es für kurze Zeit unter die verbotenen Zeichen geschafft, weil er in einer Formel über die nun potentiell unbegrenzte Amtszeit des Präsidenten auftaucht (n größer als 2).

          Spätestens an dieser Stelle deutet sich allerdings eine innere Grenze des Systems an: Wird bei diesem Katz-und-Maus-Spiel zwischen Gesellschaft und repressivem Staat nicht schon bald der Punkt erreicht sein, da alle Buchstaben, alle Wörter, alle Sätze, jegliche Bedeutung ihre Unschuld verlieren? Wird am Ende dann die gesamte Sprache gelöscht werden und mit ihr jeder denkbare Sinn (so auch die Möglichkeit der Propaganda)? China erzeugt von sich zurzeit das Bild einer immer selbstbewussteren, sich unaufhaltsam ausweitenden Macht. Doch die Sprache zeigt dem immer perfekteren Autoritarismus noch ein anderes mögliches Schicksal an: Implosion.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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