https://www.faz.net/-gqz-aadjj

Zensierte Comic-Übersetzungen : Fridolin Freudenfett wurde geschlachtet

  • -Aktualisiert am

Querstreifen machen dick? Fridolin Freudenfett – hier im Nachdruck von 1969 – fühlt sich sichtlich sauwohl in seiner rosigen Haut. Bild: © 2021 Disney/Egmont Ehapa Media

Ein Fall von vorauseilender Empfindlichkeit? Stillschweigend ändert der Egmont-Verlag die klassischen Disney-Comic-Übersetzungen von Erika Fuchs.

          5 Min.

          Der deutsche Verlag der Disney-Comics, Egmont (früher Ehapa), bringt das Werk von Carl Barks jetzt auch im Format der „Lustigen Taschenbücher“ heraus. Ich war einigermaßen verblüfft, als ich in der Nummer 10 der neuen Serie im Format die Geschichte „Glück im Unglück“ las. Beim Kanu-Wettbewerb zwischen Donald Duck und Gustav Gans muss eine Person aus dem Wasser gerettet werden, und als solche hat sich ein vollfettes Schwein zur Verfügung gestellt. Hier heißt er „Herr Fridolin Freundlich“. Freundlich? Ja, Freundlich. Donald geht in Gedanken sogar auf den Namen ein: „Wenn ich diesen freudigen Freundlich in mein Kanu ziehe, kentert es glatt.“ Stimmt, aber die Pointe kentert jetzt auch glatt. Als Gustav die Aufgabe lösen soll, was natürlich glückt, wird der Name wiederholt. Also kein Zufall, kein Druckfehler. Was ist da passiert?

          Ich lernte den eigentlich nicht zu bergenden Fettkloß, der den Ertrinkenden mimt, 1969 in „Die Tollsten Geschichten von Donald Duck“ Nr. 16 kennen, unter dem deutschen Namen, den er schon seit der „Micky Maus“-Erstausgabe von 1956 trug: „Herr Fridolin Freudenfett“. Der passt so fettig glänzend zur Person (und zum amerikanischen Original aus „Walt Disney’s Comics and Stories“ Nr. 179 von 1954: Porcmuscle J. Hamfat), dass ich mir ihn für immer merkte. Natürlich steht er auch im Verzeichnis aller bei Barks auftretenden, von Erika Fuchs teilweise zusätzlich benamsten Bewohner und Bewohnerinnen Entenhausens, das Johnny A. Grote 1997 bei Ehapa herausbrachte, zusammen mit Rosita Rührschneck, Lulu Lobedanz, Prunella Pustekuchen und all den anderen. Reale Menschen verwenden Fridolin Freudenfett inzwischen als Nickname in sozialen Medien und in der Geschäftswelt.

          Auch in der maßgeblichen „Carl Barks Collection“ (Band 13, 2006), der unmittelbaren Druckvorlage für die jetzige Taschenbuchedition, grüßt aus dem Wasser und springt, schildkrötengebissen, in Gustavs Kanu: Fridolin Freudenfett. Denn so wird der gewichtige Zeitgenosse vom Kampfrichter angekündigt, und Donald sorgt sich im Original folgerichtig: „Wenn ich diesen freudigen Fettwanst in mein Kanu ziehe ...“ Jetzt hat man offenbar aus Sorge vor einem abwegigen Vorwurf unter dem heute modischen Stichwort des Bodyshaming eine maximal harmlose Alternative zu dem typischen charakterisierenden Namen gesucht, die nur noch formal, dank der Alliteration, ins Duck-Universum passt.

          Klar ist: Entenhausener Namen müssen nicht boshaft sein, es finden sich auch nett-verschrobene wie derjenige der Gewerbeoberlehrerin Greta Gründlich, aber ist das ein Grund, nun Comic-Schweine umzubenennen wie missliebig gewordene Kolonialstraßen? Neue Geschichten mit der Familie Duck, deren Texte von vornherein auf heutige Empfindlichkeiten abgestimmt werden können, erscheinen doch ohnehin monatlich in den „Lustigen Taschenbüchern“. Bisher hatte der Zeitgeist noch nicht erfolgreich Hand angelegt an den Text der vielgerühmten Erika Fuchs. 1992 gab es einen Postkarten-Protest gegen Modernisierungen („Tollste Geschichten“, Heft 121); damals gab Ehapa dem Druck der Leserschaft nach.

          Unter den Nachdrucken sind Fehldrucke

          Doch verstört nicht nur, dass man knapp dreißig Jahre später wieder schleichend den Text ändert, sondern dass die heutige Taschenbuch-Ausgabe mit einem Disclaimer eröffnet. Dieser behauptet das Gegenteil: „Die hier abgedruckten Geschichten sind reine originalgetreue Nachdrucke in ihrer ursprünglichen Übersetzung“ – aber angefügt ist eine vorauseilende Entschuldigung („die zum Teil nicht den heutigen Zeitgeist widerspiegeln“), die den Grund dafür ahnen lässt, dass diese Garantie nicht eingehalten wird.

          Im selben Taschenbuch wird in „Das Wiesenfest“ aus dem „Maharadscha von Stinkadore“ (vielleicht weiß man nicht mehr, dass Zigarren im Volksmund Stinkadores hießen; in der „Micky Maus“ übrigens die Lieblingsmarke von Kater Karlo) zweimal der sinnfreie „Maharadscha von Stirkadore“. Will hier jemand die erkennbar frei erfundene Residenz eines erkennbar frei erfundenen Maharadscha vor Beleidigungen schützen?

          Freundlich ist er seit seinem ersten Auftritt in der „Micky Maus“ 1956, aber er heißt so erst im Nachdruck von 2021.
          Freundlich ist er seit seinem ersten Auftritt in der „Micky Maus“ 1956, aber er heißt so erst im Nachdruck von 2021. : Bild: © 2021 Disney/Egmont Ehapa Media

          Der Egmont-Verlag bestätigt dies auf Nachfrage: Äußerungen oder Namen, die „als negativ verstanden werden könnten“, sollten vermieden werden. Jörg Risken teilt namens des Verlags weiterhin mit: „Zusätzlich redigieren wir die alten Texte immer sorgfältig(er), da sich Aufmerksamkeit, Bewusstsein und Zeitgeist immer weiter entwickeln, so dass heute zum Bespiel bei Western-Geschichten (von denen es viele von Barks gibt) eine große Anzahl an Änderungen aufgrund der verwendeten Begrifflichkeiten vorgenommen werden muss.“

          Geld im Namen ist weiterhin erlaubt

          In der Denkmalbau-Geschichte „Der reichste Mann der Welt“ ist Onkel Dagoberts Kontrahent damals wie heute der Maharadscha von Zasterabad (Geld im Namen ist weiterhin erlaubt), doch Dagoberts einstiger Wutausbruch „Ich werde es nicht dulden, dass so ein mulmiger Muselmann mich in den Schatten stellt!“ wurde schon vor einiger Zeit entschärft; wir lesen: „mickriger Möchtegern“. Der Maharadscha hingegen darf sich bis jetzt aus der ethnischen Kiste bedienen: „Bildet sich dieser bleichgesichtige Bankier wirklich ein ...“

          Erstmals erschien die salvatorische Klausel vom veränderten Zeitgeist im Oktober 2020 (Nr. 9 der „Classic Edition“), und dieser Band enthielt wohl noch keine Veränderungen im Wortlaut. Gab es Beschwerden, die den Verlag zu der Formulierung veranlassten und zwei Monate später zum Eingreifen? Aber was könnte der Anlass gewesen sein?

          In der neuesten Folge 11 fällt jedenfalls wieder eine Passage auf, in der Text verändert wurde, so minimal, dass man sie für völlig unwichtig erklären könnte. In „Der Himmelsschreiber“ zeichnet Donald das Porträt seines Onkels, vergisst jedoch, die Rauchdüse des Flugzeugs abzuschalten, so dass Dagoberts Profil einen Zopf erhält: „Und darum sieht er aus wie ein Chines’.“ So erklären es dem erschrockenen Donald seine Neffen im traditionellen Text. Seit Februar 2021 steht in dieser Sprechblase nun „Chinese“. „Chinese“ erlaubt, „Chines’“ verboten? Der Verlag erklärt die Änderung als bloße „Vervollständigung des Wortes“. Die anderen ethnischen Korrekturen lassen aber fürchten, dass das Wort mit Apostroph in den Kontext verfemter Karnevalsmaskerade gerückt wird. Am Rande bemerkt: In mehreren Duck-Geschichten begegnet ein Affe im Singular als „Aff’“. Ob dieser populäre „Affostroph“ noch gestattet bleibt, muss die Zukunft zeigen.

          Das Schwein ist kein Mensch

          Die Grenze zwischen ethnischen Klischees oder klamaukiger Namenswahl und Rassismus ist nicht einfach zu ziehen, aber bei zu viel Empfindlichkeit käme wohl kein Comic-Autor des zwanzigsten Jahrhunderts heil davon. Und selbst wenn man beim Maharadscha vorsorglich an alle 1,37 Milliarden Inder denkt, wer wäre denn auch nur potentiell von „Freudenfett“ betroffen? Fridolin ist doch ein Schwein! Natürlich, die Schwebe-Existenz der tierförmigen, aber menschlich handelnden Comic-Figuren könnte einen Leser motivieren, sich trotzdem als realer Mensch beleidigt zu erklären, aber solcher Wille zum Gekränktsein wäre schlichtweg grundlos, da die Fabel seit der Antike unangefochten Menschliches in die Tierwelt transferiert, um es universell verhandelbar zu machen. Das Schwein bedeutet also einen Menschen, ist aber keiner, auch nicht im Comic.

          Der Diskurs der Überempfindlichkeit entfaltet einen Systemzwang. Wenn es einen Punkt in der jüngeren Vergangenheit gibt, von dem an der Verlag auf sensibel umcodiert hat, dann darf man sich auf eine unendliche Kette von Revisionen sowie Folge- und Konzessionsentscheidungen gefasst machen, die Sprechblasen in dichter Folge zum Platzen bringen werden. In einer bekannten Episode („Die Wette“) wirft Daisy Gustav bis jetzt (Classic-Edition, Bd. 4) vor: „Du hast damals angegeben wie zehn nackte Wilde.“ Ob das dort in zehn Jahren noch steht? Und schon in näherer Zukunft, beim Nachdruck von „Der Midas-Effekt“, droht Dagoberts Spott über Gundel Gaukeleys scheinbar nur eingebildete Hexenkünste Verlegenheit zu erzeugen: „Na ja, Frauen! Zu kleines Gehirn!“ Der Witz, den die als Kunsthistorikerin promovierte Übersetzerin hier plaziert hat, geht auf Kosten der Beschränktheit der männlichen Phantasie.

          Als in „Blubberlutsch“ Trudchen in die Bärengrube fällt, kommentiert der Entenhausener Zoowärter: „Ein ziemlich vollfettes Kind!“ Muss die sichtlich begründete Pointe der Episode demnächst weichen, wenn eine reale Mutter ihr Trudchen wiedererkennen will, obwohl es schwerlich Trudchen heißen wird? Sollen jetzt alle Pädagogen auf die Barrikaden gehen, weil der Professor, der in Entenhausen antiautoritäre Erziehung predigt, den sprechenden Namen Plappert trägt? Dann kann auch einen o-beinigen Postzusteller der Name des Hilfspostboten Säbelbein, so berühmt, dass ihm in Entenhausen ein Denkmal gewidmet wurde, traumatisch kränken.

          Vielleicht ist noch Hoffnung, dass Fridolin Freundlich ein gutgemeinter Ausrutscher war und sich bei den Nachfolgern von Erika Fuchs nicht der Hochmut durchsetzt, man wisse heute besser, wie ein Originaltext gelautet haben müsste.

          Zum Autor

          Achim Hölter ist Universitätsprofessor für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Wien.

          Jetzt mit F+ lesen

          Wie sensibel darf es sein? Der Philosoph Richard David Precht während der phil.Cologne im September 2021

          Precht und Flaßpöhler : Sie nennen es Freiheit

          Die haltlosen Behauptungen der Impfskeptiker dringen immer weiter in die bürgerliche Mitte vor. Für die neue pandemische Situation ist das fatal.
          FDP-Chef Christian Lindner wird bald die Finanzen des Bundes kontrollieren.

          Koalitionsvertrag : Die große Leere in der Steuerpolitik

          Was kann der künftige Finanzminister Christian Lindner in der Steuerpolitik erreichen, für die Bürger, für die Unternehmen? Beim Blick in den Koalitionsvertrag fällt eine merkwürdige Unwucht auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.