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Zeitgeschichte : Das Unbehagen an der Aufarbeitung

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Im Jahr 2009 wird nicht nur der Jahrestag des Mauerfalls zu begehen sein. Bild: AP

Sechzig Jahre Bundesrepublik, zwanzig Jahre Mauerfall. Das Supergedenkjahr hat begonnen, und die Medien hüpfen von Jahrestag zu Jahrestag. Wie steht die Wissenschaft von der Zeitgeschichte im Zeitalter der boomenden Erinnerungskultur da?

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          Die Zeitgeschichte präsentiert sich vor allem als Streitgeschichte. Über den öffentlich ausgetragenen Kontroversen aber sollte der stabile Konsens nicht übersehen werden, in dem die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des zwanzigsten Jahrhunderts heute gründet. Einer Welt von gestern gehört die Sorge an, die in den achtziger Jahren den „Historikerstreit“ ausbrechen ließ: dass im Zeichen der Kohlschen „geistig-moralischen Wende“ der Weg in die Zukunft mit dem Schlussstrich unter die Vergangenheit erkauft werden könne. Die Befürchtung war vollkommen irrig.

          Tatsächlich hat sich in den zwei Jahrzehnten nach 1986 eine neue, historisch zu nennende Allianz zwischen Wissenschaft und Politik herausgebildet, aber sie steht im Zeichen der Aufarbeitung und nicht der Verdrängung. Ihre Grundlage bildet die allgemein anerkannte Auffassung, dass aus der deutschen Diktaturvergangenheit eine besondere Verantwortung in Gegenwart und Zukunft hervorgehe. Das Umschalten vom Vergessen zum Erinnern ist heute politisches Prinzip in Deutschland. Es repräsentiert einen geschichtspolitischen Konsens, den zu missachten zur Ächtung führen kann und der in seiner Geltungskraft die aus der Antike ererbte Tradition der Oblivio als moralischer und rechtlicher Voraussetzung sozialer Versöhnung in denkbar radikaler Weise abgelöst hat: Gegen das Versöhnungspotential des Vergessens setzt die Pathosformel der Aufarbeitung das Lernpotential des Erinnerns.

          Der Gestus der Entlarvung

          Seit Adorno 1957 der Stille die Forderung nach einer andauernden Auseinandersetzung mit der deutschen Diktaturvergangenheit in Form der Aufarbeitung entgegensetzte, hat der Begriff eine Karriere ohnegleichen gemacht. Die Anlehnung an Freuds tiefenpsychologisches Konzept des erinnernden Durcharbeitens machte es möglich, die zukunftsgerichtete Neuorientierung als Verdrängung und die Abschüttelung der Vergangenheit als gefährliche „Unfähigkeit zu trauern“ zu sehen. Vergangenheitsvergegenwärtigung als Weg zur Gesundung - aus dieser Einbettung des Umgangs mit der jüngsten Geschichte in einen sozialen wie politischen Krankheitsdiskurs erklärt sich der Erfolg des Begriffs der Aufarbeitung, und dieser Begriff vermochte andere Formen der Vergangenheitsüberwindung als Abwehr und Weigerung in den diagnostischen Rahmen von Störung und Verdrängung zu stellen.

          Dies verlieh im Zeichen des Generationswechsels seit dem Ende der sechziger Jahre dem Willen zur schonungslosen Aufarbeitung genügend Durchschlagskraft, um die seit Mitte der fünfziger Jahre gebräuchliche Rede von der Vergangenheitsbewältigung ganz gegen die Intention ihrer Wortschöpfer als fatalen Glauben an den Schlussstrich außer Kurs zu setzen. Zugleich streifte die Aufarbeitung rasch ihren therapeutischen Anklang ab, der das erinnernde Durcharbeiten als Schritt zur endgültigen Heilung begreift, und stellte stattdessen auf die Widerstand erregende Schmerzhaftigkeit jeder ernsthaften Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ab.

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