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Polens Opposition : Wer hat Platz in diesem Land?

Das Land der permanenten Selbstvergewisserung

Dennoch. „Auch wenn die polnische Regierungspartei nationalkonservative Züge trägt, ist sie etwas grundsätzlich anderes als die AfD oder der Front National.“ Dann zählt Agnieszka Łada wesentliche Unterschiede auf: dass die PiS die Europäische Union nicht in Zweifel ziehe; dass sie mit sozialen Maßnahmen wie Kindergeld und Steuersenkung Ernst mache; dass die polnische Regierung Putin mit größtem Misstrauen betrachte und deswegen auch gegenüber Angela Merkel wieder freundlichere Töne anschlage. Mit der AfD wolle Kaczyński ganz sicher nichts zu tun haben.

„Viele Polen“, sagt Łada, die sich selbst als regierungskritisch einschätzt, „sind frustriert und fühlen sich nicht gewürdigt. Ihre Wirtschaftsreformen waren schwierig, doch noch immer haben sie weniger Wohlstand als das westliche Europa. Die PiS hat mit ihren Versprechen diese und andere Sorgen adressiert. Das ist einer der Gründe, warum so viele Menschen die Partei unterstützen.“

Ein Aspekt, der bei Deutschen oft für Kopfschütteln sorgt, ist der polnische Patriotismus. Doch gerade der ließe sich aus der Geschichte verstehen. Der polnische Dichter Tadeusz Dabrowski hat neulich in der „Neuen Zürcher Zeitung“ die Anziehungskraft der PiS unter anderem damit erklärt, die Nationalkonservativen böten dem Land endlich wieder eine „große Erzählung“ an, die einen Teil der Verunsicherung der Menschen lindere. Polen, das mehrmals geteilte und aufgelöste Land, das mehr als hundert Jahre seiner jüngeren Geschichte nur in der Imagination sowie in der Sprache der Poesie fortlebte, bedarf der permanenten Selbstvergewisserung. Schreiben, so hat der Dichter und Essayist Adam Zagajewski einmal formuliert, sei in Polen deshalb nie eine akademische, blutleere Hirntätigkeit gewesen, sondern „eher wie ein glühender, brausender Keramikofen, in dem, bei hohen Temperaturen und vor den Augen begieriger Zuschauer, vor den Augen aufmerksamer Polis-Bürger, die Gefäße von Poesie und Prosa gebrannt wurden“.

Als wir mit Zagajewski, Jahrgang 1945, beim Mittagessen sitzen, wird schnell klar, dass der Widerstand gegen die PiS-Regierung nicht allein bei der jungen Generation zu Hause ist. Für Kaczyńskis fieberhafte Gesellschaftsreformen hat der Dichter nur Spott übrig. Ganze Berufsstände, erzählt er, protestierten gegen die Beschneidung demokratischer Grundrechte - die Richter, die Ärzte, die Lehrer. Doch der Gegensatz zwischen Großstadt und Provinz sei schwer zu überbrücken. Außerdem habe Polen nur fünfzig Prozent Wahlbeteiligung. Intellektuelle verstünden sich stets als Außenseiter.

„Wir sind ein so katholisches Land“, sagt Adam Zagajewski, „dass wir weltweit Priester exportieren. Aber unsere wichtigsten Geistesmenschen stehen dem Katholizismus mit wenigen Ausnahmen fremd gegenüber. Die allermeisten Intellektuellen lehnen auch die Regierung ab. Wenn der Kulturminister sich zeigt, wird er ausgepfiffen. Ich habe durchaus damit sympathisiert, dass die frühere Regierung unter Donald Tusk sich nicht für wolkige Visionen zuständig fühlte, sondern für das warme Wasser in der Leitung. Aber für viele Menschen war das nicht genug.“

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