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Polens Opposition : Wer hat Platz in diesem Land?

Alles außer Warschau ist Provinz

Springer, Jahrgang 1982, ist Archäologe und schreibt über die Vernachlässigung des öffentlichen Raums. Wenn vom Charisma des früheren Ministerpräsidenten Donald Tusk von der Bürgerplattform (PO) die Rede ist, einem Liebling der westlichen Medien, wendet Springer ein, Polen habe sich dem Modernisierungstaumel überlassen und dabei die kleinen Leute vergessen - Menschen, die vor einem Jahr die Partei Jarosław Kaczyńskis gewählt haben. Von Sozialstaat und Wohnungsbau für die Ärmsten sei unter Tusk kaum etwas zu sehen gewesen, umso mehr von Korruptionsskandalen. Sprichwörtlich wurde die Einführung des Pendolino: Der Vorzeigezug aus Italien mit dem hochtönenden Namen „Express Inter City Premium“ ging vergangenes Jahr auf ausgewählten polnischen Hauptstrecken in Betrieb. Aber er erreicht nur auf wenigen Abschnitten zweihundert Stundenkilometer, weil die polnischen Gleise veraltet sind. Der Glanz, erzählt Springer, sei außerdem teuer erkauft: Unprofitable Nebenstrecken sind geschlossen, die Gräben zwischen Stadt und Land tiefer geworden. Man fühlt sich an einen Satz des deutschen Kabarettisten und Polen-Kenners Steffen Möller erinnert: Alles außer Warschau ist in Polen Provinz.

Die Verheißungen Europas haben im selben Maß an Glanz verloren, wie die EU ihrerseits unter Legitimationsdruck geriet und alle begriffen, dass die Mitgliedsstaaten sich in unterschiedlichem Tempo entwickeln. Wer in Polen Bücher schreibt, Kunst oder Theater macht, also mit staatlicher Kulturpolitik in Berührung kommt, sieht die Freiheiten täglich schrumpfen. Vielleicht steht deshalb das Genre der literarischen Reportage hoch im Kurs. Dabei geht es weniger um Bestsellererfolg als um den Drang, Zeugnis von einer sich radikal verändernden Wirklichkeit abzulegen.

Zu intellektuell, um eine Chance zu haben

Ein Vertreter dieses Autortyps ist Ziemowit Szczerek, 37 Jahre alt, den wir in einem Musikclub in der Krakauer Altstadt treffen. Szczerek spricht von der „postkolonialen“ Haltung der Regierungspartei. Die PiS wolle Polen markant als Nation mit eigenen Interessen zwischen Russland auf der einen und Deutschland auf der anderen Seite positionieren. Das sei egoistisch, komme aber gut an. Als urbane Gegenkraft hat sich Razem (Gemeinsam) gebildet, eine junge Linksformation nach dem Vorbild der spanischen Podemos, mit der Razem auch die violette Parteifarbe teilt. Doch Razem, sagt Szczerek, sei zu klein, zu städtisch, zu intellektuell, um eine wirkliche Chance zu haben.

Ziemowit Szczerek spricht neben Polnisch auch Englisch, Russisch und Ukrainisch. Über die Ukraine, sein Spezialgebiet, hat er zwei Reportagebücher veröffentlicht. Zur Zeit lernt er Ungarisch, weil er die Verhältnisse dort besser verstehen will. Szczerek sagt, Kaczyński sei nicht einfach ein „Populist“, er sei nur in das politische Vakuum gestoßen, das die Vorgängerregierung entstehen ließ. Eine Linke westeuropäischen Zuschnitts gebe es in Polen nicht.

Das berichtet auch Marta Tycner, eine Sprecherin von Razem. Eigentlich waren wir in der neuen Warschauer Parteizentrale, wenn das Wort nicht zu hoch gegriffen ist, mit der Pressesprecherin Teresa verabredet, doch Teresa hat plötzlich keine Zeit. Marta hat eigentlich auch keine Zeit; ihr fünfjähriger Sohn streift durch die Flure, in denen Pappkartons gestapelt sind und gewaltfreie WG-Atmosphäre herrscht. Immer wieder kommt der Kleine herein, unterbricht unser Gespräch und zieht wieder ab. Marta entschuldigt sich. Sie sei alleinerziehende Mutter. In der Partei werde damit ganz gut umgegangen. Im Foyer hocken ein paar junge Leute auf dem Boden, die Plakate mit violetten Lettern für die nächste Demo malen, aber sie lassen Martas Kleinen nicht mitmachen.

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