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Der Brexit und die Jugend : Generation Zimmeraufräumen

Seit dem Refendum protestieren immer wieder junge Briten gegen den Brexit, hier am 28. Juni auf dem Trafalgar Square. Bild: Getty

Sind junge Briten schuld am Brexit, weil sie nicht zur Wahl gegangen sind? Oder schlägt jetzt erst ihre Stunde? Wer nur auf Zahlen schaut, begreift das wahre pubertäre Problem nicht.

          Jugend. Revolte, Umsturz, Emphase. Übermaß und Leidenschaft und bebende Brust. Alles auf einmal wollen und danach erst anfangen zu denken. Weg mit dem Kleingedruckten, besser den Augenblick nutzen, die Bewegung. Freiheit. Hochfahrende Gefühle und Besserwisserei. Laute Parolen, Rücksichtslosigkeit, Kopflosigkeit, Verantwortungslosigkeit, Fuckoffigkeit und komische Frisuren.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Jugend, so heißt es, seit Großbritannien für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt hat, die britische Jugend habe dieser Brexit doppelt getroffen. Einmal, weil sie künftig jene Privilegien nicht mehr werde genießen können, welche ihre älteren Landsleute, die dann auch noch für den Ausstieg stimmten, noch genießen durften.

          Ein junger Brite, Nicholas Barrett, hat es am Tag nach der Abstimmung in der „Financial Times“ so auf den Punkt gebracht: „Die jüngere Generation hat das Recht verloren, in siebenundzwanzig anderen Ländern zu leben und zu arbeiten. Niemals werden wir den vollen Umfang der verlorenen Chancen, der Freundschaften, Ehen und Lebenserfahrungen ermessen können, die uns verwehrt worden sind. Die Freizügigkeit ist uns genommen worden - von unseren Eltern, Onkeln und Großeltern, in einem letzten Stoß an eine ganze Generation, die sowieso schon in den Schulden ihrer Vorgänger ertrinkt.“

          Verspielte Zukunft

          Das Drama um den Brexit ist groß, aber die Rolle, welche die britische Jugend darin spielt, noch einmal größer, weil die Jungen schließlich das Zukunftsreservoir sind. Weil sie, durch ihren angeborenen Optimismus, der sich erst nach der Hochschulreife langsam auswächst, auch utopische Projekte (wie eine europäische Gemeinschaft) zum Tragen bringen könnten. Aber als wäre das nicht schon schlimm genug mit dem Brexit und der verspielten Zukunft: An alledem sollen die jungen Briten am Ende dann auch noch selbst schuld sein.

          Denn das war das andere, was man seit dem 23. Juni lesen und hören konnte: Sie seien selbst schuld, weil sie nicht in die Wahllokale gegangen seien, sondern lieber beim Festival in Glastonbury tanzen und feiern wollten, beispielsweise. Oder weil sie im Internet waren. Und weil die Selbsttäuschungseffekte der sozialen Medien, wo Verlinken und Liken ja schon wie politische Taten wirkten, sie gelähmt hätten. Weil sie nicht aufgepasst hätten, und dann war es halt zu spät. Zu spät auch, um zu protestieren.

          Schon am Freitag nach der Abstimmung hatten sich die ersten Schüler vor dem britischen Parlament im Westminster Palace versammelt, um gegen den Brexit zu demonstrieren. 16-jährige, 17-jährige Mädchen, die in die Kameras riefen, aufgebracht und traurig: Wie kann es sein, dass ich hier um meine Zukunft betrogen werde? Von Leuten, die gar nicht mehr so lange leben werden in diesem Europa wie ich? (Beim Referendum über die schottische Unabhängigkeit im Jahr 2014 hatten Sechzehn- und Siebzehnjährige mitstimmen dürfen und das in großer Zahl getan, es gab also einen Präzedenzfall.)

          Dieser frustrierte Überschwang wurde dann in Kommentaren gleich abgebremst: So weit käme es ja wohl noch, dass das Wahlrecht neuerdings nach Altersklassen gestaffelt und ausgelegt werden würde. Junges Fräulein, das nennt sich Demokratie! Außerdem hätten es jene jungen Briten mit Wahlrecht ja wohl selbst verspielt, weil sie eben nicht hingegangen seien.

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