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Amerikas Nationalismus : Der lange Schatten des Rassismus

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Das Feindbild des Chinesen

Ende des neunzehnten Jahrhunderts schnellten die Zahlen der Einwanderer wieder hoch. Damit war der Nährboden für ein Wiederaufleben des Nativismus bereitet. Die Ressentiments blühten auch deshalb wieder auf, weil sich der Schwerpunkt der Auswanderung nach Ost- und Südeuropa verschoben hatte und sich damit neue ethnische Gräben auftaten. Katholiken aus Polen und Italien sowie orthodoxe Juden aus Russland waren der protestantischen Mehrheitsgesellschaft zutiefst suspekt.

In den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts geriet zudem eine viel kleinere Gruppe ins Visier der Nativisten, nämlich die Chinesen. Sie lebten vor allem an der Westküste. Als Arbeiter auf den Baustellen der transpazifischen Eisenbahn hatten sie unter großen Opfern die Grundlage der modernen Infrastruktur gelegt. Den meisten Amerikanern europäischer Abstammung galten Chinesen als minderwertig und bedrohlich. Sie schienen Rauschgift, Prostitution und Krankheiten einzuschleppen. Da nur wenige von ihnen zum Christentum konvertierten und Englisch sprachen, blieben sie Außenseiter. Der Staat benachteiligte sie durch Sondersteuern und die Verweigerung der Einbürgerung. Es kam wiederholt zu pogromähnlichen Rassenunruhen. Mord, Brandschatzung und Vertreibung blieben keine Einzelfälle.

Demütigung durch Segregation

Dabei lebten 1880 nur etwa 100.000 Chinesen in den Vereinigten Staaten. Es war abwegig, in ihnen den Hauptfeind von Millionen weißer Arbeiter zu sehen. Den größten Erfolg feierte die Sinophobie 1882 mit dem „Chinese Exclusion Act“, der erstmals Einwanderer aus einem bestimmten Land ausschloss. Die bereits in Amerika lebenden Chinesen durften bleiben, konnten sich aber vorübergehend nicht mehr frei im Land bewegen. Die Einreise ihrer in der Heimat verbliebenen Frauen und Töchter war schon 1875 verboten worden. Als der Oberste Gerichtshof entschied, dass dieses Gesetz aus Gründen der „nationalen Sicherheit“ rechtens war, etablierte er ein bis heute verwendetes Argument. Er sprach von „riesigen Horden“ einer „anderen Rasse“, die sich „nicht assimilieren“ werde. Die Demütigungen wurden bald auch auf andere Asiaten ausgedehnt. Ihre Kinder hatten segregierte Schulen zu besuchen und blieben von vielen Berufen ausgeschlossen. Gesetze gegen „Rassenvermischung“, die seit der Kolonialzeit Verbindungen von Afroamerikanern und Weißen untersagten, galten auch für Asiaten. Endgültig aufgehoben wurden sie erst 1967.

Der „Chinese Exclusion Act“ hatte 61 Jahre lang Bestand. Er wurde 1943 abgeschafft, als die Vereinigten Staaten gemeinsam mit China gegen Japan kämpfte. Schon ein Jahr früher wurden japanischstämmige Amerikaner zu Feinden im eigenen Land. Anders als ihre deutsch- und italienischstämmigen Mitbürger, die fast durchweg als „echte Amerikaner“ galten, schienen sie arglistige Verräter zu sein. Mehr als 100.000 von ihnen wurden von der zur Sperrzone für Japaner deklarierten Westküste deportiert und in eilig errichtete Barackenlager im Landesinneren gesperrt. Es handelte sich um gesetzestreue, überwiegend im Land geborene Staatsbürger. Schon „ein Tropfen japanischen Blutes“ machte die Menschen suspekt. Bei bis zu einem Sechzehntel japanischer Abstammung ordneten die Behörden Internierungen an.

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