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Xenofeminismus : Schafft Hunderte Geschlechter!

Xenofeministin älterer Art: Rose McGowan im Film „Planet Terror“ (2007) Bild: Picture-Alliance

Die Freaks sind da, nicht nur in der Theorie: Ein neuer Feminismus spekuliert auf eine Zukunft jenseits der Biologie.

          7 Min.

          Shulamith Firestone war nicht die erste, die den Traum von einer schönen neuen Maschinenwelt träumte, aber sie träumte ihn auf ganz besondere Weise. „Zum ersten Mal in der Geschichte“, schrieb die radikale Feministin in ihrem Bestseller „The Dialectic of Sex“, biete die Technologie die Möglichkeit, „die Menschheit von der Tyrannei ihrer Biologie zu befreien“. Moderne Fortpflanzungsmethoden, so spekulierte sie, würden die „barbarische“ und ungerecht verteilte Prozedur der Reproduktion beenden. Die Automatisierung der Produktion (und die der Hausarbeit) würde die Frage erledigen „’wer soll dann die Brötchen nach Hause bringen?’, weil keiner sie mehr nach Hause bringt, denn niemand wird mehr arbeiten’“. Maschinen, so versprach Firestone, würden nicht nur für „die Beseitigung männlicher Privilegien“ sorgen, sondern für die der Geschlechtsunterschiede überhaupt. Die vorrangige Aufgabe der feministischen Bewegung aber sei es, die Welt auf diese Zukunft vorzubereiten. Die Alternative nämlich, so sah es Firestone, ist nicht das Leben, das auf solche Technologien verzichtet, sondern der größte „Alptraum“: dass sie „in den Händen der heutigen Machthaber läge“.

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          1970 war das, zwei Jahre nachdem Philip K. Dick die Frage aufgeworfen hatte, wovon Androiden träumen. Fast ein halbes Jahrhundert später bedeutet Feminismus für die meisten noch immer, darüber zu streiten, wer die Brötchen nach Hause bringt – was nicht nur daran liegt, dass die Maschinen, die Firestones Traum ermöglichen sollten, vom Staubsaugerroboter bis zur künstlichen Gebärmutter, noch immer höchstens mäßig funktionieren. Es liegt vor allem daran, dass dem emanzipatorischen Denken überhaupt jede Spur von Technoutopismus abhanden gekommen ist, nicht nur dem Feminismus. Das letzte relevante Update, Donna Haraways berühmtes „Cyborg Manifesto“, ist auch schon dreißig Jahre alt. Der zeitgenössischen Linken, so lautet jedenfalls die Diagnose all jener Theoretiker, die sich seit etwa zwei Jahren unter dem Begriff „Akzelerationismus“ versammeln, erscheint jede Idee des Fortschritts als kapitalistisches Projekt. Weshalb jede Form des Widerstands auf Strategien der Entschleunigung hinausläuft, auf Kritik, Protest, Begrenzung und Verbot, auf die Bändigung all jener Monstren, die noch bei Haraway über den Terror einer biologischen Ordnung triumphierten.

          Feminismus aus der Zukunft zurück betrachtet

          Wie sehr das Erbe jener technofeministischen Positionen in Vergessenheit geraten war, konnte man nirgends besser erkennen als an der Zurückweisung der akzelerationistischen Positionen als Sammlung maschinengeiler Machofantasien. Die Tatsache, dass es sich bei den Protagonisten der Bewegung, etwa bei Nick Srnicek und Alex Williams, den Autoren des akzelerationistischen Manifests, um Männer handelt, kam Teilen der feministischen Kritik genauso verdächtig vor wie ihr Faible für theoretische Jungsspielzeuge, für Kybernetik, Futurismus und Beschleunigung. Es ist eine seltsame Kritik, weil sie selbst noch auf jenen Geschlechterstereotypen basiert, welche der Feminismus nach Haraway eigentlich schon hinter sich gelassen hatte, und zwar gleich mehrfach. Denn erstens führt sie den Chauvinismus fort, der alles als männliche Domäne beschreibt, was mit Rationalismus, Mathematik, Robotik und Boliden zu tun hat. Und zweitens: Woher wissen die Kritiker oder Kritikerinnen denn überhaupt, wie sich all die Turbodenker gendermäßig definieren, als Mann, als Frau, als Trans oder als androgyner Android?

          An Missverständnissen jedenfalls herrschte kein Mangel, am Unbehagen an der Zukunft offenbar noch genug – und gegen beides tritt seit kurzem, mit der angemessenen begrifflichen Power, ein neues Manifest an. Unter dem Schlagwort „Xenofeminismus“ bringt ein Kollektiv namens Laboria Cuboniks die feministischen Aspekte akzelerationistischer Ideen noch einmal deutlich auf den Punkt. In einem Band mit dem Titel „dea ex machina“ (Merve Verlag, 160 Seiten, 15 Euro) versammeln die Medienwissenschaftlerin Helen Hester (als Teil des Kollektivs) und der Literaturwissenschaftler Armen Avanessian alte und neue Texte technofeministischer Theorien (darunter auch einen Text von Haraway sowie einen Auszug aus Firestones oben zitiertem Buch). Was diese Texte gemeinsam haben, ist ein Blick auf den Feminismus, der weniger ein Blick in die Zukunft ist, als einer aus der Zukunft zurück.

          „Xenofeminismus will Geschlecht abschaffen“

          Man muss gar nicht allzu weit in diese Zukunft reisen, um eine Gegenwart zu erkennen, in der sich all jene Grenzen auflösen (oder als willkürlich erweisen), die so lange als natürlich galten: die Grenzen zwischen Mensch und Tier, zwischen Natur und Kultur und eben auch jene zwischen Mann und Frau. Wer dabei noch immer glaubt, es seien nur ein paar postmoderne Schlaumeier, die an der Dekonstruktion dieser Kategorien arbeiten, dem sollte man schleunigst den Besuch eines biotechnisches Labor empfehlen. Für den Anfang reicht auch ein Blick auf die Titelbilder der aktuellen Magazine: Vor einem Jahr zeigte das „Time“-Magazin die transsexuelle Schauspielerin Laverne Cox in einer Titelgeschichte über Transgender, „Amerikas nächste Bürgerrechtsfront“, gerade konnte man Caitlyn (ehemals Bruce) Jenner auf dem Titelbild von „Vanity Fair“ sehen, und bei der Abstimmung zum Coverboy des Jahres für das Magazin „Men’s Health“ konnte sich Aydian Dowling durchsetzen, ein transsexueller Mann.

          Rose McGowan im Film „Grindhouse“ (2007).
          Rose McGowan im Film „Grindhouse“ (2007). : Bild: Allstar/Dimension

          Auch wenn die Idole der Transgenderkultur durch die Überidentifizierung mit ihrem neu angenommenen Geschlecht die Ordnung der Geschlechter eher bestärken: Die Freaks sind da, es wurde höchste Zeit. Deshalb das „Xeno“ in „Xenofeminismus“, die Begrüßung alles fremden, neuen, anderen, das unter den „Ungerechtigkeiten im Namen der natürlichen Ordnung“ leidet: „Wir sind alle entfremdet“, schreibt Laboria Cuboniks, „Entfremdung ist eine Wirkung und Funktion der Möglichkeit, Freiheit aufzubauen“. Mehr als all seine Begeisterung für Technik ist es der Anti-Naturalismus des Xenofeminismus, der automatisch in die Zukunft weist: „Nichts ist starr. Alles ist für radikale Veränderung empfänglich – materielle Bedingungen ebenso wie gesellschaftliche Formen“. Am Ende steht, wie schon bei Firestone, die Utopie einer Gesellschaft, in der Geschlechter irrelevant geworden sind: „Xenofeminismus will Geschlecht abschaffen“. Dabei beschwört das Kollektiv nicht das Ende sexueller Differenz, sondern deren Vervielfältigung: „Lasst Hunderte von Geschlechtern blühen!“

          Über die feministische Pointe

          Dass in einer solchen bunten Postgender-Welt nicht das Problem der Diskriminierung an sich gelöst ist, sondern mit den Geschlechtern womöglich auch nur deren potentielle Spielarten explodieren, ist den Autorinnen bewusst. Nur müssen eben die Klassen, die in Zukunft um die Diskurshoheit kämpfen, gewissermaßen überhaupt erst erkämpft werden. Gerade weil sich in einer transhumanistischen Zukunft, jenseits von Geschlechterdifferenzen, vielleicht irgendwann Prothesenträger und Biomenschen gegenüberstehen, organische Rassisten und hirngedopte Hermaphroditen, setzt der Xenofeminismus auf eine Politik, die „das grobe Einordnen von Körpern in Schubladen“ grundsätzlich verweigert.

          Was es am Ende noch mit Feminismus zu tun hat, wenn es ganz allgemein um die Verwirklichung universeller Gerechtigkeit geht, um eine Zukunft, in der körperliche, ästhetische oder artifizielle Unterschiede „nicht mehr Bedeutung erhalten als die Augenfarbe“, ist eine naheliegende Frage. Weil der Akzelerationismus immer schon ein emanzipatorisches Projekt ist, ist die Versuchung groß, in seiner feministischen Version am Ende doch nur die Bemühung zu erkennen, ein testosterongesteuertes Denken auch für Frauen zugänglich zu machen. Die feministische Pointe aber liegt im Beharren auf der Vorstellung, dass das Patriarchat nicht einfach nur der Name irgendeiner kategorischen Priorisierung ist, sondern sozusagen die Mutter aller Ausgrenzungsdiskurse. Der Xenofeminismus ist auch die riskante Wette darauf, dass mit der Abschaffung des Geschlechts nicht nur die zentrale biologistische Hierarchie verschwindet, sondern die Idee solcher hegemonialen Konstruktionen als solche. Wenn wir uns erst einmal von den Geschlechtern verabschiedet haben, so die Hoffnung, geht es auch Rasse, Eigentum, Nation an den Kragen.

          Der Einsatz dieser Wette ist klar: Wenn individuelle Modifikationen einfach werden und die Frage der Geschlechtszugehörigkeit zu einer Frage der persönlichen Wahl, wenn also Weiblichkeit nur eine Option ist, dann könnten nach der Abschaffung der Geschlechter doch nur die privilegierten Männer übrigbleiben. Für die Xenofeministen ist deshalb „das Projekt des Entwirrens dessen, was sein soll von dem, was ist ... eine unendliche Aufgabe“, die große Sensibilität „für die schleichende Rückkehr alter Machtstrukturen“ erfordert. Nicht alle sind sich dabei einig, ob es nicht doch auch Formen von Weiblichkeit gibt, die man vor der Abschaffung retten muss – den Körper etwa oder die Mutterschaft – und wenn ja, wie.

          „Das Letzte, was wir an diesem Punkt der westlichen Geschichte brauchen können“, schreibt die Philosophin Rosi Braidotti, sei eine „Erneuerung des alten Mythos der Transzendenz als Flucht aus dem Körper“. Zwar hält Braidotti Nostalgie nach vermeintlich natürlichen Verhältnissen für ebenso gefährlich wie ihre Kolleginnen, trotzdem besteht sie auf der Andersartigkeit weiblicher Zukunftsvisionen: „Das Zeichen Frau als eine Grundlage weiblicher Identität gehört auch und zugleich zu einem Rand der Dissidenz und des Widerstands gegen patriarchale Identität“, schreibt sie. „Behaltet eure eigenen Matrix-Träume“, ruft sie den Männern zu. „Euer Todeswunsch ist nicht unser Todeswunsch“. Eine ganz andere Form der Dissidenz übt dagegen der Philosoph Paul B. Preciado. Er spritzt sich Testosteron aus der Internetapotheke, um die „Metamorphose einer Epoche“ am eigenen Leib zu erfahren. Preciado, der als Beatrix geboren wurde, geht es dabei gerade nicht um eine Transformation zum Mann, sondern um den Entwurf eines hybriden Körpers, der weder männlich noch weiblich ist – und trotzdem alles andere als neutral.

          Wer Preciados Beschreibung seines Selbstversuchs liest, mit all ihrer Leidenschaft und Poesie, verliert sehr schnell die Angst davor, dass mit den Polen Mann und Frau auch die Anziehungskraft zwischen den Menschen verschwindet, oder wie auch immer man einmal jene Wesen jenseits des Wesens nennen wird. Ob man den Weg in diese Zukunft, die schon so präsent ist, auch noch beschleunigen muss, ist nicht nur eine Frage der Geduld. So wenig sich die Zukunft durch die Flucht in die Vergangenheit ändern lässt, so wenig lässt sich die Vergangenheit durch die Flucht in die Zukunft abwenden. „Wie brauchen Rituale der Bestattung und des Betrauerns der Toten, einschließlich und besonders das Ritual der Bestattung der vergangenen Frau“, schreibt Braidotti. Wie lange so ein Abschied dauern kann, kann man am besten an der mühsamen Debatte sehen, die sich seit Jahrzehnten mit der feministischen Umgestaltung der vielleicht mächtigsten aller Techniken beschäftigt: der Sprache. So sexy die Hochzeit von Feminismus und Beschleunigung auch klingt, so wichtig sie auch ist: Man sollte sie nicht mit Gerechtigkeit auf Knopfdruck verwechseln.

          Und trotzdem ist es kein Fehler, wenn es dem Xenofeminismus weniger darum geht, Frauen für Technologie, sondern Männer für den Feminismus zu interessieren. War das nicht immer die Idee: dass man den Kampf gegen die Herrschaft der Männer mit den Männern kämpft?

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