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Dankesrede zum Würth-Preis : Europa hat seine Rechnungen aus der Kolonialzeit nie gezahlt

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Bildungs- und oft auch ausbildungsferne Minister und Kanzler, beispielsweise in Warschau, in Wien, Budapest oder Prag, die ihre persönlichen Karrieren und ihre monströsen Parteiapparate zumeist nur aus Steuermitteln zu finanzieren vermochten, beanspruchen den auf fremden Rücken gewonnenen Wohlstand als ihre politische Leistung und sind stolz, Flüchtlingen aus geplünderten Rohstoffgebieten Rettungswege abgeschnitten und den Zugang zum jeweils gelobten Land mit Stacheldrahtverhauen und Tränengas verwehrt zu haben. Nein, vor den Flüchtlingszügen des 21. Jahrhunderts weicht das Meer nicht zurück und erhebt sich nicht zu Wassermauern, sondern es schlägt über den Hilfesuchenden zusammen.

Nur Banknoten rufen Geschichtsbewusstsein wach

Europa . . . Was für ein schöner und was für ein trauriger Name, nach der Mythologie der Name einer phönizischen Prinzessin, die von Zeus, der ihretwegen die Gestalt eines verspielten, weiß-wolligen Stiers annahm und das Mädchen auf seinem Rücken nach Kreta entführte und dort – nach heutiger Lesart – vergewaltigte. Unter den drei Söhnen, die Europa fern ihrer phönizischen Heimat zur Welt brachte, war auch Minos, der spätere Herr über das Labyrinth von Knossos, in dem die Bestie Minotauros dahin und dorthin rasen sollte.

Daß an die Entführte und Vergewaltigte von der Europäischen Zentralbank erinnert wird, indem ihr Bild als Wasserzeichen und als Hologramm auf den Fünf-Euro- und Zehn-Euro-Noten in hauchzarten Linien erscheint, legt die Vermutung nahe, daß Banknoten die einzigen Papiere sind, die im vorherrschenden europäischen Geschichtsbewußtsein Erinnerungen wachrufen können.

Traum des friedlichen Europas nur noch Utopie

Ach, Europa. Was für eine zauberische, betörende Utopie: ein Kontinent der friedlichen Völker und des Zusammenströmens verschiedener Kulturen, ohne Grenzbalken, ohne Kriege, ohne die Seuche des Nationalismus und rassistischen Wahn. So begeisternd dieser Traum auch immer noch ist – er ist zuschanden geworden an der Gedankenschwäche und an der Gier seiner regierenden Eliten und ihrer Wähler.

Europa oder das, wofür der Name einer Prinzessin einmal stehen sollte, wird möglicherweise zugrunde gehen an der nationalistischen Vernagelung, an der Vergeßlichkeit und Mitleidlosigkeit der Mehrzahl seiner Bewohner. Und die europäischen Selbstzerfleischungen in einst dreißig Jahre dauernden, am Ende aber durch die ganze Welt rasenden Kriegen des zwanzigsten Jahrhunderts sind möglicherweise nicht nur Abgründe der Vergangenheit, sondern auch der Zukunft. Der Brüsseler Massenmörder auf seinem Roß ist mein Zeuge.

Wer die Weißen nicht fürchtet, kennt sie nicht

Wie schön und besänftigend war es doch, im Ruwenzori-Gebirge eine einzige zuversichtliche, freundliche Stimme auf dem Weg durch die Erinnerung zu hören – in jenem Regenwald, in dessen nebelige Höhen uns die Zoologin führte, nachdem wir unser Gefährt wieder flottgemacht und trotz einiger Warnungen, in der Gegend von Kasese wüte ein Stammes- und Bürgerkrieg, der in den vergangenen Wochen fast hundert Tote gefordert hatte, ins tiefe, tropfende Grün hochgestiegen waren.

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