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Dankesrede zum Würth-Preis : Europa hat seine Rechnungen aus der Kolonialzeit nie gezahlt

  • -Aktualisiert am

Unilever, Nestlé oder Monsanto führen Menschenjagd fort

Daß Nordamerika über einen Genozid in den Besitz europäischer Siedler geriet, ist zum Sujet heroischer Erzählungen aus einem Wilden Westen geworden, aber nur im Ausnahmefall zur Anklage. Die brachiale Verwandlung von Stammesgebieten in die von europäischen Wirtschaftsflüchtlingen gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika forderte zehn, auch hier sagen andere: zwanzig Millionen Tote.

Aber um mehr oder weniger Tote hat sich das segelnde und Handel treibende Europa nie gekümmert. Wer sein Leben verlor, wurde ersetzt. Starb auch der Ersatz, wurde die Menschenjagd weiter befeuert. Und was in den Zeiten europäischer Missionen als göttlicher Auftrag galt, sollte bis in die Gegenwart von Konzernen wie Unilever, Nestlé oder Monsanto fortgeführt werden, Monsanto, dem Lieferanten für alle Arten von Pflanzengiften und gentechnisch verunstaltetem Saatgut – erst unlängst verschluckt von der seit den Hitlerjahren mit Zwangsarbeit vertrauten Bayer AG.

Das Herz der Finsternis

Monsanto! Was für ein Name für einen Konzern, der während des Vietnam-Krieges als Lieferant des Entlaubungsmittels Agent Orange und bis heute Generationen von Verkrüppelten das Licht einer desinteressierten Welt erblicken ließ und der das Wasser, die Felder und Gärten dieser Erde in einem Ausmaß vergiftet hat, das am Ende der Tage vielleicht nur noch mit jenem Regen aus Feuer und Schwefel vergleichbar sein wird, der Sodom und Gomorra vom Antlitz der Erde brannte.

Wenn es nicht die von den Künsten Europas, seiner Malerei, seiner Musik, seiner Poesie und seinen Natur- und Geisteswissenschaften entzündeten Lichter gäbe und dazu den tröstlichen Schein von Bastionen der Menschlichkeit wie Ärzte ohne Grenzen, das Rote Kreuz oder Amnesty International, bliebe für diesen Kontinent in weltgeschichtlicher Hinsicht vielleicht nur noch ein Name: das Herz der Finsternis. (Der Vollständigkeit halber sei hier aber auch angemerkt, daß selbst einer der größten Menschenfreunde der europäischen Geistesgeschichte, Monsieur François-Marie Arouet, der als Voltaire weltberühmt wurde, sein Vermögen mit mehr als eintausend Prozent Gewinn in Aktien des Sklavenhandels angelegt hatte.)

Für Flüchtlinge des 21. Jahrhunderts teilt sich kein Meer

Die von einer immerhin möglichen europäischen Literatur gelieferte Ahnung vom Leben, vom Glück und Leiden der anderen, könnte nicht nur zumindest einigen Opfern der Alten Welt ein Gesicht, einen Namen und vielleicht die Erinnerung an ein Leben zurückgeben, sondern könnte ebenso einige Leser oder Zuhörer – im besten Fall – immunisieren gegen die barbarischen Predigten, die nun als Programme europäischer Politik von Regierungsbänken herab verkündet werden:

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