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Dankesrede zum Würth-Preis : Europa hat seine Rechnungen aus der Kolonialzeit nie gezahlt

  • -Aktualisiert am

Bestehende Besitzverhältnisse abschaffen

Wenn Menschheitskatastrophen, deren Ausmaße gegenwärtig nur als Albträume vorstellbar sind, verhindert oder wenigstens gemildert werden sollen, dann wird es nicht mehr genügen, jene Welt, die auch nach der letzten Zählung immer noch die Dritte heißt, mit lächerlichen Almosen zu bedenken, sogenannten Entwicklungshilfen, die in Wahrheit über raffinierte Finanzierungsinstrumente zumeist doch wieder auf europäische Konten zurückfließen, sondern dann müßte der Reichtum dieser Welt endlich und tatsächlich gestreut werden, nicht in Form von Almosen, sondern von menschengerechteren Löhnen und gerechten Preisen, und das heißt auch:

Es müßten Verhältnisse abgeschafft werden, in denen eine Handvoll Unersättlicher, etwa von der geistigen Beschränktheit und grotesken Infantilität des gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten und seiner europäischen Geschäftsfreunde, fast alles und der Rest der Welt, der nicht notwendigerweise klüger ist als irgendein Barbar im Weißen Haus, fast nichts besitzt.

Abstimmung über Ölkriege an der Zapfsäule

Eine unfromme Hoffnung, gewiß. Denn wer von uns wollte tatsächlich und leichten Herzens wenigstens auf einen Teil des Luxus verzichten, der uns in unterschiedlicher Üppigkeit selbstverständlich wurde – etwa auf Zweit-, Dritt und Viertautos, auf Zweit-, Dritt- und Viertwohnungen und entsprechende Häuser? Auf mindestens Drei- bis Fünfsternehotels und billige Langstreckenflüge, auf Ströme von kostbarem klaren Trinkwasser selbst in unseren Toiletten! Und stimmen wir denn nicht an jeder Zapfsäule auch über Ölkriege ab, die zum Nutzen unserer Sonntagsausflüge und Ferienfahrten ans Meer auf den Schlachtfeldern des Mittleren Ostens, und wo immer sich der Treibstoff für unsere Mobilität findet, geführt werden?

Im sogenannten Zeitalter der Entdeckungen, einer Zeit des tatsächlich ins Unermeßliche wachsenden europäischen Reichtums, starben fast dreiundzwanzig Millionen der indigenen Bewohner Mexikos und Mesoamerikas. Der von Europäern betriebene Sklavenhandel vom sechzehnten bis zum neunzehnten Jahrhundert verschleppte dreißig Millionen, nein, sagen realitätsnähere Statistiker: Es waren einhundert Millionen Opfer.

Ist die Vergangenheit wirklich vergangen?

Übereinstimmung in dieser klaffenden Berechnungsschere herrscht nur darüber, daß ein Drittel der aus Afrika verschleppten Sklaven das Ziel jedenfalls nicht lebend erreichte. Die Staupläne der Sklavenschiffe zeigen Decks so niedrig, daß die dort Angeketteten nur liegend transportiert werden konnten – Tote, Sieche, Verzweifelte und Verwesende nebeneinander, bis vor norddeutschen, dänischen, englischen französischen, spanischen oder niederländischen Zielhäfen die Ketten gelöst und die Toten ins Meer geworfen wurden. Allein in Nantes, einem der größten Umsatzhäfen des Menschenhandels, wurde in den Jahren der Sklaverei die Fracht von 1446 Sklavenschiffen gelöscht.

Vergangenheit? Das sei doch alles längst vergangen? Die Toten sind immer noch tot. Und auch der ihre Würde, ihr Glück und ihr Leben fordernde Reichtum und Wohlstand dauert an.

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