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Dankesrede zum Würth-Preis : Europa hat seine Rechnungen aus der Kolonialzeit nie gezahlt

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Quellgebiet europäischen Reichtums

Wohin immer ein Afrika-Reisender sich auf diesem Kontinent wandte, selbst wenn er nur unterwegs war, um weiße Nashörner, Elefanten, Hyänen oder Leoparden zu bestaunen (oder zu jagen), mußte er auf die Spuren Europas stoßen, auf eine zertrampelte Bühne der Grausamkeit, dazu aber auch: auf Quellgebiete des europäischen Reichtums.

Ohne die hier geschürften Erze und seltenen Erden, ohne die Gold- und Silber- und Diamantenminen und unzähligen anderen Bodenschätze, ohne die hier eingebrachten Ernten, ohne die Arbeitskraft von Abermillionen Sklaven und Billigstlohnarbeitern wäre Europa wohl bis zum heutigen Tag noch längst nicht jenes Paradies, als das es in jenen Flüchtlingsströmen ersehnt und bewundert wird, die auf den Schlachtfeldern von europäisch mitverschuldeten Kriegen und Elends- und Dürregebieten entspringen.

Völkermord als Instrument apokalyptischer Geschäftspraxis

Europa hat die Rechnungen für seine durch Jahrhunderte unternommenen Raubzüge quer durch alle Kontinente dieser Erde nie bezahlt, ja hat die von sogenannten Entdeckern und kolonialen Armeen angerichteten Verwüstungen stets so lange geleugnet, bis der Gestank aus den Massengräbern nicht mehr zu ertragen war.

Natürlich gab es auch in den Jahrhunderten vor dem Einfall europäischer Horden lokale Mordbrenner, Wucherer und Handelsgesellschaften, Stammeskriege, Sklavenmärkte, Grausamkeit und Gier, aber erst durch die Abgesandten aus den vermeintlichen Zentren der Kultur – aus Spanien, Frankreich, den Niederlanden, Portugal, Deutschland . . . – wurden Sklaverei und Völkermord zum Instrument einer geradezu apokalyptischen Geschäftspraxis.

Koloniale Nebenwirkungen bis heute spürbar

Selbst der als Schlächter von Afrika in die Geschichte der Barbarei eingegangene ugandische Diktator Idi Amin Dada hatte sein Handwerk als hoher Offizier der britischen Kolonialarmee gelernt, bis er sich neben seinem militärischen Rang als Sergeant-Major auch den Titel eines Herrn aller Tiere der Erde und aller Fische der Meere zulegte und mehr als vierhunderttausend Untertanen töten ließ.

Wo immer europäische Missionare und Landräuber erschienen, suchten und fanden sie nicht nur Kollaborateure und Erfüllungsgehilfen vor Ort, sondern deformierten sie ganze Regionen, ihre Kultur und ihre Traditionen bis zur benötigten Mißgestalt, zogen Grenzen mit dem Lineal quer durch Sprachräume und Stammesgebiete und schufen so alle Grundlagen künftiger, noch weit über die Befreiungen von den jeweiligen Eroberern hinaus reichende Feindschaften und Bürgerkriege.

Die Ahnengalerie von europäischen Entdeckern, von Gouverneuren, Handelsherren und Sklavenhändlern und mit ihnen ein unüberschaubares Heer von sogenannten Handlungsreisenden und Landvermessern, tatsächlich aber bloßen Erfüllungsgehilfen der Vernichtung, führt durch Jahrhunderte hinab und zeigt etwa die Porträts von segelnden Schweinehirten wie des estremadurischen Analphabeten Francisco Pizarro González, des Zerstörers des Reiches der Inka, und seines in jeder Hinsicht Bluts- und Gesinnungsverwandten Hernán Cortés, des Zerstörer des Aztekenreiches.

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