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Dankesrede zum Würth-Preis : Europa hat seine Rechnungen aus der Kolonialzeit nie gezahlt

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Papyrusfelder werden zu biblischen Wassermauern

Das Mädchen im gelben Kleid schien seinen Kanister trotz des quälenden Gewichts in die Unendlichkeit schleppen zu wollen: Die Straße durchschnitt im aufkommenden Wind wogende Papyrusfelder wie in alttestamentarischen Tagen vielleicht der Fluchtweg der Israeliten das Rote Meer, das sich zur Linken und Rechten der ins Gelobte Land Ziehenden zu Wassermauern erhob. Der ferne Horizont war von dunklem Urwald gezähnt, dahinter lag ein von zahllosen Seen schimmerndes Hochland, aus dem wir an diesem Morgen aufgebrochen waren.

Wir hatten auf diesem Abschnitt unserer Route und bis das Hinterrad mit einem Knall alle Luft verlor und unser Gefährt ins Schleudern geriet, keine Dörfer gesehen, nur vereinzelte, mit Stroh oder Wellblech gedeckte Hütten, auch keine Strommasten. Eine Abzweigung, die zu irgendeinem Ziel des Mädchens führen mußte, war uns offensichtlich entgangen. Oder schleppte die Wasserträgerin ihre übergroße Last tatsächlich in die Unendlichkeit?

Wasserrohre für Plantagen, nicht für Menschen

Neben dem von Wolkenbrüchen unterspülten Straßenrand, von dem sich jetzt aber nur Staubfahnen erhoben und gleich wieder hinlegten, verlief – als eindrucksvollstes Zeichen zivilisatorischer Bemühungen in dieser dürren Verlassenheit – ein mindestens fünfzehn, vielleicht zwanzig Zoll starkes Wasserrohr in die hitzeflirrende Weite, in der sich diese Leitung, durch die ganze Seen oder Flüsse dahinrauschen mußten, schließlich fadendünn im Papyrus verlor.

Solche Rohrsysteme, so viel hatten wir schon in den ersten Tagen unserer Fahrt durch Uganda und Ruanda gesehen, führten auf französische, englische oder amerikanische Ananas-, Kakao-, Kaffee- oder Teeplantagen oder den im Wind nickenden Tulpenfeldern holländischer Blumenzüchter, aber niemals in die Dörfer der Menschen, die sich auf solchen Plantagen und Feldern abmühten. Die holten ihr Wasser von trüben Quellen und schleppten es in Kanistern oder auf dem Kopf balancierten Plastikwannen zu Feuerstellen, an denen jeder Schluck gekocht werden mußte, wenn er nicht zur Quelle einer Vielzahl von Krankheiten werden sollte.

Geschichte der Eroberung, Ausbeutung und Sklaverei

Diese Papyrusfelder! Der raschelnde, wispernde Klang dieser Felder . . . Während wir uns mit einem verbogenen Kreuzschlüssel an vom Rost festgebackenen Schraubenmuttern abmühten und den fehlenden Druck im Reserverad hochzupumpen versuchten, stellte ich mir Schriftrollen von der endlosen Länge dieser Straße vor, die aus dem Papyrus gewonnen werden könnten, Rollen, auf denen die wahre Chronik dieses Kontinents erst noch geschrieben werden müßte.

War denn nicht zumindest die jüngere Geschichte Afrikas immer auch eine Geschichte Europas gewesen? Ebenso wie die Geschichten Asiens und Ozeaniens und Indonesiens und die beider Amerikas und selbst die der Südsee immer auch eine Geschichte des europäischen Auftritts gewesen waren, eine Geschichte der Eroberung, der Ausbeutung, der Sklaverei und des Völkermords.

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