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Naturschützer Ernst Rudorff : In welcher Heimat wollen wir leben?

Schloss Drachenburg im Abendlicht Bild: Picture-Alliance

Ökologie aus dem Geist der Musik und der deutschen Romantik: Eine Würdigung des Komponisten und Naturschutzpioniers Ernst Rudorff, dessen radikale Ideen aktueller denn je sind.

          Auf der Drachenburg am Rhein liegt ein Schatz: der Nachlass von Ernst Rudorff. Der Pianist und Komponist war Begründer des Naturschutzes in Deutschland. Sein Erbe führt ins Herz der Romantik und ins Schwarze aktueller Debatten.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Landschaft – das sind nicht nur Erde, Wasser, Pflanze, Tier. Landschaft, darauf weist der Geobotaniker und Pflanzenökologe Hansjörg Küster immer wieder hin, sind auch Erinnerungen, die wir mit ihr verbinden; Gefühle, die sie in uns auslöst; Geschichten, die wir von ihr erzählen; Bilder, die wir von ihr malen; und besonders Lieder, die wir über sie singen.

          Gerade den Künsten, sagt Küster, kommt eine immense Bedeutung zu für die Bindung von Menschen an Landschaft. Durch die Künste erfährt der Mensch die Natur über das Nutzverhältnis hinaus als etwas ihm Anvertrautes. In den Künsten erschließt sich uns eine Dimension von Natur, die dem Naturwissenschaftler mit seinen Methoden allein nicht zugänglich ist, auf die er aber – bewusst oder unbewusst – in seiner Arbeit zurückgreift. Denn schon das Erstellen einer Landkarte – so beschreibt es Küster in seinem jüngsten Buch „Deutsche Landschaften“ (C. H. Beck 2017) – ist ein ästhetischer Akt, ein Festlegen von Grenzen, eine Entscheidung über Zugehörigkeiten, eine eigene Form des Landschaftsbildes.

          Umgeben von den Hauptakteuren der deutschen Romantik

          Für das, was wir heute noch immer mit einem kaum bedachten Wort „Naturschutz“ nennen, sind künstlerische, oft im engsten Sinne musische Motive ausschlaggebend. Denn das, was wir schützen, bewahren, festhalten wollen, ist nicht „Natur“, die sich ständig verändert, sondern ein Bild, ein Gefühl, ein Vertrautheitserlebnis von ihr, das uns lieb und teuer ist. Dass der jüngst verstorbene Enoch zu Guttenberg nicht nur Dirigent, sondern auch Naturschützer war, ist kein Zufall. Die Gründungsfigur des Naturschutzes in Deutschland, jener Mann, der das Wort „Naturschutz“ zwar nicht erfunden, aber öffentlichkeitswirksam in juristischen Diskussionen verankert hat, war ein Pianist, Komponist und Dirigent: Ernst Rudorff. Auf ihn geht die Gründung des Deutschen Bundes Heimatschutz 1904 zurück, der Ursprungsinstitution aller späteren Naturschutzbünde.

          Auf der Drachenburg am Rhein liegt ein Schatz: der Nachlass von Ernst Rudorff.

          Den künstlerischen, naturschutzaktivistischen und familiären Nachlass von Rudorff zu sichern ist Küster jetzt im Verbund mit den Historikern Hans Werner Frohn und Jürgen Rosebrock vom Archiv der Stiftung Naturschutzgeschichte auf der Drachenburg in Königswinter am Rhein gelungen. Was jetzt dort lagert, ist eine Goldgrube für die Forschung zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts, zur Musikgeschichte genauso wie zur Rechtsgeschichte. Denn Rudorffs Vater, Adolf August Friedrich Rudorff, war Professor für Jura an der Berliner Universität, Schüler und Kanzleipartner von Preußens einflussreichem Juristen Friedrich Karl von Savigny.

          Die Familie Rudorff war umgeben von den Hauptakteuren der deutschen Romantik. Achim von Arnim, Clemens Brentano, Wilhelm Grimm zählten zu den Studienfreunden von Rudorffs Großvater mütterlicherseits. Ernst Rudorff lernte Wilhelm Grimm noch im Berliner Haus seiner Eltern kennen und hörte als Kind Märchen auf den Knien seines Urgroßonkels Ludwig Tieck. Bettina von Arnim, Friedrich Raumer, Friedrich Schleiermacher und Karl Friedrich Schinkel zählten zum Freundeskreis von Rudorffs Eltern. Rudorff selbst wurde als Pianist von Clara Schumann gefördert, edierte später gemeinsam mit Johannes Brahms, der ihn sehr schätzte, die Klavierwerke von Frédéric Chopin und wurde von Joseph Joachim als Professor für Klavier an die neue Berliner Hochschule für Musik berufen.

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