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Wolfgang Wagners Schritt : Komödie des Rücktritts

  • -Aktualisiert am

Abgang mit Risiko: Wolfgang Wagner Bild: REUTERS

Wolfgang Wagner tritt zurück: Natürlich ist das zunächst einmal eine wunderbare Nachricht, nach so vielen Jahren der Stagnation in Bayreuth. Doch es ist bloß ein Schachzug in einem durch und durch korrupten Spiel. Nicht ohne Risiko.

          3 Min.

          Wolfgang Wagner ist nicht nur ein kluger Taktiker, er hat auf der Bühne des Lebens auch jenen Sinn für dramatische Effekte, den er als Regisseur, zumindest in seinen späten Inszenierungen, auf der Bühne des Festspielhauses durchaus vermissen ließ. Kurz vor der Bayreuther Stiftungsratssitzung verbreitete sich die Nachricht seines angekündigten Rücktritts. In unmittelbarem Anschluss an die bevorstehende Festspielsaison werde er sich von seinem Amt als Leiter der Richard Wagner Festspiele zurückziehen. Nach zweiundvierzig Jahren der alleinigen Herrschaft über den Grünen Hügel soll die Ära Wolfgang Wagner endgültig zu Ende gehen.

          Eine wunderbare Nachricht nach Jahren des Wartens

          Natürlich ist das zunächst einmal eine wunderbare Nachricht, nach so vielen Jahren der Stagnation und des vergeblichen Wartens. Der Weg ist frei für eine neue Leitung des ästhetisch dringend erneuerungsbedürftigen Festivals. Doch kann das Erleichterungsgefühl, das sich unweigerlich einstellt angesichts dieses in der Wagner-Welt so lang ersehnten Augenblicks, nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Rücktritt des Enkels von Richard Wagner bloß ein Schachzug ist in einem durch und durch korrupten Spiel.

          Zufriedene Gesichter: Der bayerische Wissenschafts- und Kunstminister Thomas Goppel, die Ministeraldirektorin Ingeborg Berggeen-Merkel und der Oberbürgermeister der Stadt Bayreuth, Michael Hohl, nach der Sitzung des Stiftungsrats
          Zufriedene Gesichter: Der bayerische Wissenschafts- und Kunstminister Thomas Goppel, die Ministeraldirektorin Ingeborg Berggeen-Merkel und der Oberbürgermeister der Stadt Bayreuth, Michael Hohl, nach der Sitzung des Stiftungsrats : Bild: dpa

          Eröffnet wurde es von den Ministern Goppel und Neumann, indem sie dem alten Wagner die Erfüllung seiner Wunschlösung versprachen: die Entscheidung für ein Nachfolgeduo, das die Logik der Alleinherrschaft des Wolfgang-Wagner-Stammes fortsetzt, indem mit den beiden leiblichen Töchtern Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner auch künftig nur Wolfgang Wagners eigen Blut regieren soll. Der Familien-Stamm von Wolfgangs 1966 gestorbenem Bruder Wieland, dem entscheidenden Protagonisten des „neu-bayreuthischen“ ästhetischen Befreiungsprozesses der durch die Verstrickungen während der NS-Zeit arg kompromittierten Festspiele, würde in Falle dieser Lösung, endgültig enterbt.

          Alle ehrenmannhaften Zusagen sind, juristisch gesehen, Makulatur

          Wolfgang Wagner setzt freilich auf ein Versprechen aus Politikermund, das keinerlei rechtliche Verbindlichkeit besitzt. Denn gemäß der Satzung der 1973 errichteten Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth kann das offizielle Nachfolgeverfahren erst jetzt, nachdem der Rücktritt erklärt worden ist, eröffnet werden. Die Familie hat nun nach dem Buchstaben der Satzung vier Monate Zeit, um mit der Mehrheit ihrer vier Stimmen im Stiftungsrat einen Vorschlag für die künftige Festspielleitung zu machen.

          Alle ehrenmannhaften Zusagen, Sympathiebekundungen und Ermunterungen, die Goppel und Neumann den Mitgliedern des Wolfgang-Stammes in den vergangenen Wochen zugeschustert haben – dem greisen Wagner in Form eines törichten Versprechens, den beiden Töchter in Gestalt einer schriftlichen Aufforderung, ein gemeinsames Konzept einzureichen bis hin zur beiläufigen Beteuerung, man werde ihnen gegebenenfalls beim Verfassen des erbetenen Konzeptpapiers unter die Arme greifen – alle diese Aktivitäten entspringen einem politischen Kalkül und sind juristisch gesehen Makulatur, wenn das Verfahren eröffnet ist.

          Man gibt sich überrascht

          Auf der Pressekonferenz, die im Anschluss an die Stiftungsratsitzung an diesem Dienstag stand, bemühten sich Staatsminister Goppels und die Vertreterin des Bundes, Ingeborg Berggreen-Merkel, denn auch ostentativ darum, die Ereignisse der letzten Wochen als eine Vergangenheit abzutun, an die man nun vorgibt nicht länger gebunden zu sein. Wagners Rücktrittserklärung sei bedingungslos erfolgt, betonte Frau Berggreen-Merkel, nun müsse die Familie sich auf einen oder mehrere Vorschläge einigen. Über diese habe der Rat dann nach Ablauf der Viermonatsfrist zu entscheiden.

          Selbstverständlich dürften sich die Vertreter von Bund und Land nicht in diesen familieninternen Einigungsprozess beeinflussend einmischen. Alle bisher eingereichten Konzepte seien jetzt vom Tisch. Eine völlig neue, ja überraschende Situation sei mit dem Rücktritt Wagners entstanden, mit der nun konstruktiv umzugehen sei.

          Der Stiftungsrat entscheidet im September

          Diese Aussagen stehen in Widerspruch zum Wortlaut von Wolfgang Wagners Rücktrittserklärung (siehe auch: Im Wortlaut: Wolfgang Wagners Rücktrittsschreiben), in der es ausdrücklich heißt, er habe sich zu dem Entschluss durchgerungen, da er davon überzeugt sei, dass das Konzept seiner beiden Töchter die beste Lösung sei und sich daher durchsetzen werde. Dass als neu und überraschend eine Lage ausgegeben wird, deren Eintreten man seitens der Vertreter des Staates seit Wochen mit aller Kraft betrieben hat, kann nicht überraschen, aber noch nicht einmal mehr amüsieren. Am 1. September will der Stiftungsrat zu einer Entscheidung kommen.

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