https://www.faz.net/-gqz-aho1x

Debatte um Nationalstaat : Den Weltsozialstaat gibt es noch nicht

Die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht Bild: Frank Röth

Ist der Nationalstaat wirklich ein Auslaufmodell, wie immer wieder behauptet wird? Wolfgang Streeck und Sahra Wagenknecht halten den Grabgesang für verfrüht.

          3 Min.

          Der Nationalstaat ist derart in Verruf geraten, dass man sich wundert, dass es ihn überhaupt noch gibt. War er dem marktradikalen Lager schon immer ein Dorn im Auge, weil er dem Weltmarkt Grenzen setzt, so kommt die Kritik heute auch aus einem linksliberalen Spektrum, das vom Marktdenken nur noch unscharf abgegrenzt ist. Hier wird er als Hort von Kriegstreiberei und Nationalismus geschmäht, das dem Bestreben nach Weltoffenheit und Diversität entgegensteht. Weltmarkt und Weltmoral treffen sich in der Annahme, dass politische Grenzen irgendwie von gestern sind.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Der Schlachtruf, ein Zurück zum Nationalstaat dürfe es nicht geben, ist umso kurioser, als er weiter vom Boden einer wachsenden Zahl von Nationalstaaten aus ergeht. Unklar bleibt, was aus dem Rechts- und Sozialstaat würde, wenn es den Nationalstaat tatsächlich nicht mehr geben sollte, ja wie überhaupt eine Demokratie ohne geografisch definiertes Wahlvolk möglich sein soll. In Europa wird diese Funktion der Europäischen Union angetragen, die damit unausgesprochen eine Art Weltmodell sein soll. Sieht man einmal davon ab, dass das europäische Staatensystem nicht einfach in andere Weltregionen kopiert werden kann, bleibt die Frage, ob die EU in Sachen Demokratie überhaupt als Vorbild gelten kann.

          Testen Sie unser Angebot.
          Jetzt weiterlesen.
          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

            FAZ.NET komplett

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+
          Des akademischen Gesinnungsdrucks überdrüssig: Jordan B. Peterson

          Jordan Peterson : Wokeness oder Wahrheit, das ist die Frage

          Jordan Peterson ist einer der bekanntesten Kritiker der politischen Korrektheit. Jetzt gibt er seine Professur an der Universität von Toronto wegen Gesinnungsdrucks auf. Was bedeutet das? Ein Gastbeitrag.