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Wolfgang Schmidbauer 80 : In Therapie

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„Aus Über-Ich soll Ich werden“: Wolfgang Schmidbauer (2005) Bild: Stephan Sahm/laif

Erkenne deinen Schatten und nimm dich an: Dem Psychoanalytiker und Autor Wolfgang Schmidbauer zum Achtzigsten.

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          Das „Helfersyndrom“ machte ihn berühmt. Es war 1977, als Wolfgang Schmidbauer seiner Beobachtung der helfenden Berufe ein ganzes Buch widmete – mit durchschlagendem Erfolg: In diesem Jahr ist die zweiundzwanzigste Auflage erschienen.

          „Hilflose Helfer“ nennt der Psychoanalytiker und umtriebige Autor die Ärzte, Sozialarbeiter, Lehrer oder Therapeuten, deren helfende Tätigkeit auf Kosten der eigenen seelischen Entwicklung geht oder bereits Ausdruck einer unbearbeiteten psychischen Störung ist. Wer am Helfer-Syndrom leide, empfinde narzisstische Befriedigung im Helfen; der Helfer werte sich auf, während er die eigene Schwäche und Hilfsbedürftigkeit leugne. Soziales Helfen diene der „Abwehr von Ängsten, innerer Leere, von eigenen Wünschen und Bedürfnissen“.

          Geht es nach Schmidbauer, bedarf es einer produktiven Umwertung (und nicht etwa einer Abwertung) der Helfer-Berufe: „Aus Über-Ich soll Ich werden“ – mit anderen Worten: Erkenne deinen Schatten und nimm dich an.

          So wie er als Heilmittel gegen Narzissmus Humor empfiehlt, verharrt Schmidbauer nicht in der ebenso erhellenden wie schonungslosen Analyse seelischer Beschädigungen, sondern weist den Weg zu einem gesunden Umgang mit ihnen. Akzeptanz und Erkenntnis sind das Mittel, um totale Verdrängung auf der einen oder Selbstanklage auf der anderen Seite zu überwinden.

          Verteidigung der Psychoanalyse

          Seine „Liebeserklärung an die Psychoanalyse“ (1988) entfaltet auch dreißig Jahre später noch wohltuende Wirkung gegenüber den vulgärpsychologischen Verdrehungen und der Flut an Ratgeberliteratur, die Selbstoptimierung und „Positive Psychologie“ an die Stelle analytischer Tiefe setzt. Schmidbauer widersteht der Versuchung, psychoanalytische Begriffe für den alltäglichen Sprachgebrauch umzudeuten, und verteidigt die Psychoanalyse geradezu liebevoll gegenüber dem ewigen Vorwurf, sie mache die Menschen kränker als vor der Therapie.

          Schmidbauers Hingabe an die Psychologie und ihre therapeutische Bearbeitung spiegelt sich in seiner unfassbaren Produktivität. Er hat über fünfzig Bücher geschrieben, allein zum Thema Partnerschaften sind schon die Schlagwörter pikant: „Die heimliche Liebe“ (für ihn durchaus legitim) und die große „Geborgenheitsillusion“. Symbiose und Abgrenzung, Anpassung und Liebe, Angst vor Nähe. Der typische Vorwurf: „Du bist schuld!“ oder „Du verstehst mich nicht!“

          Vom eigenen Tun erfüllt

          Stets verknüpft Schmidbauer seine Erfahrungen als praktizierender Therapeut mit theoretischer Analyse, was in früheren Büchern zu vielen Seiten Miniaturschrift führt, die Fallbeispiele nacherzählen – erhellend sind sie dennoch. Schmidbauers Sprache ist immer klar und verzichtet auf den Duktus des Expertentums. Sein Ansatz ist ganzheitlich, wo es um psychosomatische Reaktionen und „Die Geheimsprache der Krankheit“ (1986) geht. Sein Fundament bleibt gesellschaftskritisch: skeptisch gegenüber Konsum und Kapitalismus, technischem Machbarkeitsglauben und Umweltzerstörung. Am stärksten aber ist er in der Analyse seelischer Erscheinungen wie etwa in seiner Studie über „Kassandras Schleier“ (2013), in der er die Fallstricke hochbegabter Frauen nachzeichnet, oder in seinem Buch „Alles oder nichts“ (1987), das die Destruktivität von Idealen beleuchtet.

          Immer wieder beklagt Schmidbauer den Verlust der „täglich erlebten Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns“ in unserer nach Wachstum und Anerkennung süchtigen Konsumwelt. Wer seine Bücher liest, bekommt eine Vorstellung davon, was es bedeutet, sinnstiftende Evidenz in der eigenen Arbeit zu erleben. Schmidbauer ist jemand, der von seinem Tun als Analytiker und Autor erfüllt ist. Am morgigen Samstag wird er achtzig Jahre alt.

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