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Schäuble beim Historikertag : Gelernt ist gelernt

Gegen das Projekt der neuen Nationalisten: Wolfgang Schäuble sprach auf dem Historikertag. Bild: dpa

Wehret den Anfängern: In einer kraftvollen Rede auf dem Historikertag sagt Wolfgang Schäuble den neuen Spenglers mit einem alten Satz von Böckenförde den intellektuellen Kampf an.

          Die Eröffnungsfeier des Deutschen Historikertags in Münster begann mit einer halben Stunde Verspätung. Im Verzug lag die Chance zur Ad-hoc-Hypothesenbildung nach den Regeln der politischen Ereignisgeschichte, die im Fach eine Renaissance erlebt, wie auch der offiziösen Geschichte der Historikertage anzumerken ist. Nahe lag die Vermutung, dass der Festredner, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, durch das politische Geschehen in Berlin aufgehalten worden war. Dass vor den Augen der versammelten Historiker nichts passierte, schien zu beweisen, dass sich anderswo Geschichte ereignet hatte. „Ein historischer Tag“: Dieses Urteil äußerte im Gespräch ein Fachprominenter, Repräsentant einer sozialgeschichtlich grundierten Politikhistorie und eloquenter Vernunftrepublikaner. Er sei ja gar kein Freund von Kauder – aber dessen Sturz erschien ihm offenbar als Zäsur in der Geschichte des Regierungssystems der Bundesrepublik.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Schäuble machte eine Bemerkung, die als Anspielung auf die Nachricht des Tages verstanden werden konnte. Vor ihm hatte seine Amtskollegin aus den Niederlanden gesprochen, Khadija Arib. „Gespaltene Gesellschaften“ lautet das Leitthema des Historikertags, und vor diesem Hintergrund erwähnte die Sozialdemokratin die siebenmonatige Regierungsbildung in Den Haag, mit der man immerhin den von Belgien gehaltenen Rekord noch nicht gebrochen habe. Schäuble sagte: „Wir haben übrigens nur fünf Monate gebraucht, um eine Regierung zu bilden.“ Pause. „Darum ist sie auch stabil.“ Gelächter.

          Die historische Betrachtung, der Rückblick in den langen Zeitraum, kann selbst eine stabilisierende Wirkung entfalten. Auf den Historikertagen in der Zeit der Teilung, als Professoren den Verband führten, deren Berufsbiographien generationstypische Brüche aufwiesen, bestimmte die Beschwörung einer Kontinuität aus der Kraft des Weitererzählens die Stimmung mancher Festversammlung. Diesmal war für alle Redner das Gegenteil solcher Beschwichtigung das Gebot der Stunde.

          Schäuble begann seine Rede mit einer Absage an ein Geschichtsdenken, das durch Konstruktion überpersönlicher Zusammenhänge die politischen Akteure, Staatsbürger eingeschlossen, von Verantwortung und Schuld entlastet. So interpretierte er das genau vor hundert Jahren in den letzten Tagen des Ersten Weltkriegs publizierte Werk „Der Untergang des Abendlandes“ von Oswald Spengler. Dagegen stellte er unter Berufung auf Friedrich Schiller, Hannah Arendt, Christian Meier und Herfried Münkler ein Konzept des Handelns, das Freiheit metaphysisch voraussetzt und politisch herstellt. Eine der Bedingungen: Lernen aus der Geschichte muss als möglich gelten und gewollt sein.

          Auf dieser Ebene elementarer demokratischer Geschichtsdidaktik sagte Schäuble einen Satz zu den Ereignissen von Chemnitz, ohne den Ortsnamen zu nennen. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet zitierte unlängst den Satz des Zentrumskanzlers Joseph Wirth: „Der Feind steht rechts.“ Ein geschichtspolitisch bemerkenswerter Akt: Für die Adenauer-CDU war Wirth eine Unperson. Auch Schäuble benutzte nun eine Formel der antinationalsozialistischen Selbstvergewisserung, beinahe beiläufig, wie es seine listige Art ist. Die politischen Debatten würden zunehmend unversöhnlich. „Bis hin zur Gewalt auf der Straße – da gilt es den Anfängen zu wehren.“

          List bewies Schäuble auch, indem er gegen das Projekt der neuen Nationalisten ein Argument der alten Rechten ins Feld führte. „Gespaltene Gesellschaft: Was verhieße eigentlich die Umkehrung? Eine homogene Gesellschaft? Sie gibt es nicht. Sie kann es nicht geben. Sie wäre wider die menschliche Natur.“

          Erkennbar war Schäubles Ehrgeiz, sich den Fachgelehrten mit deren Mitteln gewachsen zu zeigen, etwa die Kenntnis neuer Literatur zu demonstrieren, eingeschlossen den Roman „Tyll“ von Daniel Kehlmann. Diese Fleißarbeit hatte nichts Angestrengtes. Schäubles kraftvolle Rede bestätigte die klassische Auffassung, dass die Staatsmänner an erster Stelle zur Geschichtsschreibung beziehungsweise, solange sie noch amtlich tätig sind, zum Nachdenken über die Geschichte berufen sind. Ein Vorteil der Praktiker gegenüber den Akademikern: Sie haben auch von der Haltbarkeit von Einsichten einen pragmatischen, instinktiven Begriff und misstrauen Merksätzen nicht reflexhaft. „Der freiheitliche Verfassungsstaat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht zu schaffen vermag.“ Schäuble zitierte die „bekannte Formulierung Ernst-Wolfgang Böckenfördes“, die sich für ihn offenkundig nicht abgenutzt hat, allen feinsinnigen philosophischen Einwänden zum Trotz. Lektionen müssen formuliert und in Formulierungen tradiert werden. Sonst gibt es kein Lernen aus der Geschichte.

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