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Wohnkrise in Amerika : Dunkelheit über dem Sunset Boulevard

Wohnmobil vor Wohncontainer Bild: Niklas Maak

Die Situation in Kalifornien ist pervers: Menschen müssen ihre Häuser verlassen, weil sie ihre Kredite nicht bezahlen können, die Immobilien fallen an die Bank - die diese Immobilien nicht verkaufen kann und verfallen lässt. Der Staat denkt jetzt über Containerstädte nach: Ein Besuch im Westen der Zukunft.

          Dylan Moliano hatte seinen Campingbus zwischen dem Pacific Coast Highway und der Lagune geparkt, er hatte sein Surfbrett aus dem Wagen geholt und war in die Wellen gegangen, während sein Sohn und seine Frau vor dem Bus spielten. Es war ein warmer Morgen, an der Lagune hockten die Pelikane, weiter draußen tummelte sich ein Delfin. Nachdem Moliano aus den Wellen gekommen war, hatte er sich in den Bus gelegt und eine Runde geschlafen. Als er wieder aufwachte, standen zwei Leute vor seinem Camper; einer trug eine Kamera, ein anderer ein Mikrofon. Der Mann mit dem Mikrofon wollte wissen, ob, und wenn, wie er, Moliano, sein Haus verloren habe. Wie es sich hier lebe. Und wie das Kind damit klarkäme.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Moliano hat eine Wohnung, dem Kind geht es gut - und schuld an der seltsamen Befragung ist die Talkmasterin Oprah Winfrey, die in einer ihrer Sendungen einen Bericht über Amerikas neue Wohnungsnot gebracht hatte; eine Reporterin hatte eine Zeltstadt in Sacramento besucht, in der nicht mehr nur Obdachlose leben, und was das Fernsehpublikum vor allem entsetzt hatte, war die Tatsache, dass diejenigen, die man hier sah, Menschen waren, die in der Finanzkrise ihr Haus verloren hatten und zum Beweis ihrer Zugehörigkeit zur Welt der normalen Amerikaner Führerscheine und Fotos ihrer Häuser in die Kamera hielten, unter ihnen ein arbeitsloser Witwer und Vater von fünf Kindern, den sie unglaublicherweise aus seiner Wohnung geworfen hatten.

          Surfen gegen die Wirtschaftskrise

          Die Botschaft des Films war klar: Es kann jeden treffen; der Weg von der kreditfinanzierten Mittelklasse-Existenz mit Doppelgarage und Flachbildschirm zu einem Dasein, das an Flüchtlingscamps der Dritten Welt erinnert, ist so kurz wie nie zuvor. Die Bilder gleichen einer bösen Rückkopplung - was man hier sieht, ist eine dystopische Neuauflage der Bilder von Siedlerkarawanen, die mit ihren Planwagen nach Westen zogen. Der Effekt der Sendung war gewaltig - Arnold Schwarzenegger versprach, den Vergessenen des amerikanischen Traums zu helfen, für warmes Essen und Waschmöglichkeiten zu sorgen. Seither berichten die Medien wöchentlich über die neue Wohnungsnot - die aber vor allem eine unsichtbare ist. Viele, die Job und Wohnung verloren, kommen bei Freunden unter, einige leben in geborgten Campinganhängern und -bussen, und seit in einer Sendung gezeigt wurde, dass die Camper, die an den Straßen von Venice Beach und Malibu stehen, Opfer der Krise beherbergen, laufen immer mehr Reporter auf der Suche nach preiswürdigen Storys durch die Fahrzeugreihen und gehen den Campern auf die Nerven.

          Notbehausung mit Zukunft: Ein Vorschlag von „Graft Architects”

          Die meisten, die an diesem Morgen am Strand von Malibu parken, scheinen relativ sorglose Surfer zu sein - obwohl, historisch gesehen, die Surfkultur viel mit der Krise zu tun hat. Der kalifornische Kulturgeschichtler Craig Stecyk beschreibt in dem Buch „Surfing San Onofre to Point Dume“, wie diejenigen, die in der Wirtschaftskrise um 1930 ihre Arbeit verloren hatten, vor der Alternative standen, entweder in Downtown L. A. depressiv oder am Strand braun zu werden; sie wohnten in Hütten, surften, fingen Fische und warteten am Strand auf Jobs; so sei die Surfkultur aus der Krise heraus geboren worden.

          Nirgendwo verbanden sich Hedonismus und existentielle Not so eng wie in Malibu. Das ist heute nicht anders. Nur ein paar Minuten von den Surfstränden entfernt, steht der Container des Malibu Labor Exchange, und obwohl es noch früh ist, warten dort rund achtzig Arbeitssuchende. „So was habe ich noch nicht erlebt“, sagt Oscar Nundragon, der Arbeitsvermittler. „Seit der Krise kommen doppelt so viele Leute wie vorher, 120 statt 60 am Tag, und deutlich mehr Frauen, auch aus der Mittelschicht. Die versuchen, irgendwelche Jobs anzunehmen, sie gehen putzen, um ihr Auto, ihr Haus zu halten - was hier zu Spannungen führt: dass Leute um Arbeit fragen, die so aussehen wie die, die hier früher herkamen, um jemandem Arbeit zu geben.“

          Die Situation ist pervers

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