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Perspektiven Hochqualifizierter : Deutschlands beste Ausländer

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Der Fundus an Geschichten, in denen es um erlebte Abneigung geht, ist scheinbar unbegrenzt. Hamid und ich haben schon viel erlebt. Häufig sind es Kleinigkeiten und marginale Gesten, in denen sich das Fremdsein äußert. Nicht immer sind die Situationen so klar wie eine Beleidigung im Park. Zum Beispiel die ältere Frau an der Kasse eines Discounters vor einigen Monaten. Nachdem sie ihren Einkauf bezahlt hatte, bot sie mir das übrig gebliebene Kleingeld an - ist das Nettigkeit oder Rassismus? Die Grenze ist schmal. Mögliche Gründe für das Verhalten der Frau gibt es viele. Auch das habe ich mit Hamid diskutiert. Wann ist Diskriminierung wirklich Diskriminierung, wann macht man sich selbst zum Opfer? Wie jedes unserer Gespräche hatte auch dieses kein eindeutiges Ergebnis. Jedoch stellten wir zum Abschluss des Gesprächs fest, dass es schlimmer geworden ist. Die Abneigung gegenüber Fremden hat zugenommen. Ob es für uns noch erträglich ist, konnten wir nicht sagen.

Lieber fremd im Ausland als fremd in der eigenen Stadt

Was Hamid und mich von so vielen anderen unterscheidet, sind die Möglichkeiten, die wir haben. Im Klartext soll das heißen: Wir können uns sowohl das Land als auch die Firma, für die wir arbeiten wollen, aussuchen. Damit sind wir ein Gradmesser für das aktuelle Klima in Deutschland. Denn wer sich hier nicht kulturell verwurzelt fühlt und hingehen kann, wo er will, bleibt nur, wenn er will. Und während große Firmen längst den Krieg um Talente begonnen haben und Büros mit Fitnesscentern, Bandräumen und Rutschen bauen, hat man in Deutschland das Gefühl, dass man sich noch immer fragt, ob man uns überhaupt haben will. Verschiedene Studien belegen, unsere Chancen hierzulande sind schlechter als die von Bewerbern ohne Migrationshintergrund. Und auch wenn man uns gerne mal medienwirksam aus Gründen der Diversität aufs Foto rückt, kann man sich ein deutsches Traditionsunternehmen wie Daimler oder BMW nur schwer mit einer dunkelhäutigen Führungsperson in einer Spitzenposition vorstellen. Veraltete Denkmuster, die in unserer Abstammung eine Verpflichtung zu gewissen Verhaltensmustern sehen, herrschen noch immer vor und verunsichern Deutsche wie Migranten gleichermaßen.

Die Folgen dieser Unsicherheit stehen heute schon fest: Immer mehr von uns wollen weg. Das zeigen nicht nur Statistiken, sondern auch Blicke in den akademischen Freundeskreis. Es sind vor allem Studenten mit ausländischen Wurzeln, die sich für Jobs im Ausland interessieren oder weitere Titel an ausländischen Universitäten erwerben. Dabei geht es weniger darum, eine neue Heimat zu finden, als darum, dem Gefühl der Fremdheit im eigenen Land zu entkommen. Lieber fremd im Ausland als fremd in der eigenen Stadt, im eigenen Land, in der eigenen Nachbarschaft. Bleiben müssen nur die, die keine Wahl haben. Jene, denen die Welt aufgrund von mangelnder Ausbildung und Qualifikation verschlossen bleibt. Und so verschärft sich das Bild der dummen Migranten.

Schon mit einem Fuß aus der Tür

Deutschland hat ein Image-Problem bei seinen eigenen Bürgern, verursacht durch ein ständiges Hadern mit dem eigenen Profil. Während Länder wie Australien, Dänemark, Kanada und England längst Magneten für ausländische Toptalente sind, wartet man in der hiesigen Kultur lieber ab und tut zu wenig für einen besseren Ruf. Es fehlt an klaren Bekenntnissen der breiten Mitte. Am ehesten könnte man es so sagen: Ein Deutschland, das sich nicht klar zu seiner weltoffenen Identität bekennt, ist unsexy. Wie ein noch nicht in seiner Identität festgelegter Pubertierender hat ein solches Deutschland keine Anziehungskraft, um seine Talente zu binden.

Florian Martens

Hamid habe ich nach unserem Gespräch einige Wochen nicht mehr gesehen. Für gemeinsame Aktivitäten fehlt oft die Zeit in unseren durchstrukturierten Terminkalendern. Als wir uns neulich zufällig begegnen, trägt er einen dunklen Anzug und eine breite Krawatte. Er hat gerade ein Stipendium für einen zweiten Master am renommierten Imperial College in London erhalten. Ob er sich vorstellen könne, danach in Deutschland zu arbeiten, frage ich ihn. Er zuckt mit den Schultern und sagt, dass seine Erfahrungen mit ausländischen Firmen unkomplizierter seien und die Jobs vielversprechender. Eigentlich, sagt er, sei er schon mit einem Fuß aus der Tür. Auch wenn er es hier mag, hat er wohl bessere Optionen, sagt er.

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