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Wolf in einem Gehege im Biotopwildpark Anholter Schweiz Bild: dpa

Wölfe und Politik : Knallt die Bestie ab!

Die deutsche Linie ist klar: Wölfe sollen friedlich leben dürfen, während Weidetiere und Menschen vor ihnen geschützt werden. Warum rüttelt Agrarministerin Julia Klöckner an dieser Regelung?

          Die Antwort des Menschen auf die Rückkehr des Wolfs lautet: Wolfspolitik. Das in West- und Mitteleuropa schon einmal ausgerottete und seit zwei Jahrzehnten auch in Deutschland sich wieder vermehrende Raubtier gilt dem Menschen im Parlament als gut und nicht als böse, als ein Artenschutz-Erfolg, der hoch willkommen ist. Wolfspolitik nimmt quer durch die Fraktionen auf europäischer wie nationaler Ebene an, dass nicht der Wolf das Problem ist. Zum Problem wird er demnach erst durch schlechte soziale Bedingungen, durch eine menschliche Umwelt, die es versäumt hat, sich rechtzeitig auf den wilden Wiedergänger einzustellen, mental wie materiell.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          In Umkehrung der Behindertenpolitik sagt eine Wolfspoltik, die sich dem „intelligenten Wolfsmanagement“ (der Umweltverband BUND) verpflichtet weiß: Der Wolf braucht weniger Barrierefreiheit, als er sie in einer wolfsmäßig nur unzureichend vorbereiteten Zivilisation derzeit noch genießt. Anders gesagt: Dem Wolf müssen seine Grenzen aufgezeigt werden, strombewehrte und untergrabungssichere hohe Zäune zum Beispiel, innerhalb derer das Schaf friedlich grasen kann, sowie Hütehunde und Fütterverbote, die einer gefährlichen und im übrigen artfremden Vertrautheit des Wolfs mit dem Menschen entgegenwirken. Auch Schüsse in die Luft können helfen, Schlimmeres für Mensch und Tier zu verhüten.

          Erst wenn solche Schutzmaßnahmen ohne Wirkung bleiben, so die Faustregel, darf der Wolf als Problemwolf identifiziert und abgeknallt werden. Es ist eben nicht so, wie die Bürgerinitiative „wolfsfreiezone.de“ es nahelegt: „Überall, wo Menschen und Weidetiere sind, müssen Wölfe konsequent gejagt werden. Nur echte Wildnis darf als Schutzgebiet ausgewiesen werden.“ Abgesehen davon, dass die Vorstellung einer vom Menschen unberührten „echten“ Wildnis immer schon eine Phantasmagorie war, geht es bei der juristisch informierten Wolfspolitik um Kohabitation von Weidetier, Mensch und Wolf; also gerade nicht um deren wechselseitige Verdrängung, Elimination. Es ist eine solche inklusive Perspektive, die wolfspolitisch zählt und für die Akzeptanz des Wolfs im Land entscheidend ist.

          Julia Klöckner (CDU), Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft

          Was verspricht sich die Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) davon, wenn sie in einem am Wochenende bekannt gewordenen „Brandbrief“ an ihre Amtskollegin im Umweltministerium das Abschießen von Wölfen in den Mittelpunkt stellt und eine „gemäßigte Bestandsregulierung selbst für streng geschützte Arten“ als wolfspolitisches Gebot der Stunde erscheinen lässt? In der Zuspitzung auf diesen Gesichtspunkt – jetzt schleunigst alle rechtlichen Möglichkeiten zur Reduzierung des Wolfsbestands auszuschöpfen, die das Artenschutzrecht bereithält – liegt eine Effekthascherei, die für das differenzierte Verständnis der wolfspolitischen Situation eher kontraproduktiv ist. In der Sache handelt es sich um eine bloße Selbstverständlichkeit, die aber, derart flagrant vorgetragen und als prioritär ausgegeben, ein falsches, ein populistisches Signal setzt. Als ginge es nicht vorrangig darum, gemäß der Devise „Prävention vor Kompensation“ den Herdenschutz zu verbessern statt den Wolfsschutz zu verschlechtern.

          Just in diesem Sinne hatte der Bundestag vor einem halben Jahr die wolfspolitischen Thesen der Koalition beschlossen, in denen die Tötung des Wolfs (seine „Entnahme“, wie es im Fachjargon heißt), auf Ausnahmen im Einzelfall beschränkt bleiben muss. Dabei geht es um verhaltensauffällige Wölfe, die Weidezäune überwunden haben oder ihre Menschenscheu in eine menschliche Bedrohung kehrten. Das ist alles andere als ein Liquidierungsprogramm für wolfsfreie Zonen: „Voraussetzung ist, dass keine zumutbare Alternative zur Entnahme des Wolfes besteht und sich der Erhaltungszustand der Wolfspopulation nicht verschlechtert.“

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          Nur wenn dieser sogenannte Erhaltungszustand befriedigend ist, also die Stabilität der Population ohne Gefahr ihres abermaligen Verschwindens als gesichert angesehen werden kann (was laut EU-Kommission derzeit noch nicht zutrifft), nur für diesen Fall mahnen die Parlamentarier eine „notwendige Bestandsreduktion“ der wölfischen Population an mit entsprechendem fortlaufenden Prüfauftrag an Brüssel. Der Schutzstatus des Wolfs ist keine absolute Größe, sondern abhängig von seiner zahlenmäßigen Verbreitung. Wie sollte es auch anders sein? Was Frau Klöckner zum zentralen Gegenstand eines Brandbriefes macht, hatte der Bundestag schon mit dem abgewogenen, auf schrille Töne verzichtenden wolfspolitischen Koalitionspapier unterstrichen. Kann es die Agrarministerin wundern, wenn ihr um Einordnung weitgehend unbekümmerter Brandbrief nun als Munition für die wolfspolitischen Vereinfacher herhält? In den von Herdenrissen betroffenen Kommunen liegen die Nerven blank.

          Der Schäfermeister Knut Kucznik vom Schafzuchtverband Berlin-Brandenburg hatte den Bundestag wissen lassen: „Den Wolf zu bejagen, nützt uns nichts. Ein übrig gebliebener Wolf kann genauso gefährlich für unsere Herde sein wie zehn. Herdenschutz, den wir uns leisten können, hilft uns.“ Von den schlecht bezahlten Schäfern kommen sie nicht und werden auch nicht angeheizt: Parolen wie „Knallt die Bestie ab!“ oder „wolfsfreie Zone“. Wann fängt Wolfspolitik an, die Weidetierhaltung aus der existenzgefährdenden Zone zu holen, in welcher sie steckt, mit oder ohne Wolf?

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