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WM-Kolumne „Nachgetreten“ : Der geheime Sinn dieser WM

Aha! Russlands Präsident Wladimir Putin (l.) und Fifa-Präsident Gianni Infantino verfolgen ein Spiel im Confederations Cup im Juni 2017 in Sankt Petersburg. Bild: dpa

Harmlos kann man die WM nur finden, wenn man sich nicht fragt, was hinter der doch sehr auffälligen Zusammensetzung der Viertelfinale steckt. Hinter dem frühen Ausscheiden der Deutschen. Schon hinter der sogenannten Auslosung!

          Verschwörungstheorien, heißt es, sollen gerade in Mode sein. Versuchen wir eine. Die WM wird in Russland ausgetragen. Vor ihrem Beginn hieß es, sie werde zur Rechtfertigung Putins missbraucht. Davon war zwar bislang nicht viel zu spüren, es sei denn, man fände schon in der puren Ablenkung eine Manipulation der Weltöffentlichkeit. Dann freilich dient die WM auch der Ablenkung von Seehofer und von der Polkappenschmelze.

          So harmlos wiederum kann aber man eine WM nur finden, wenn man sich – „entscheidend is auf’m Platz“ (Alfred Preißler) – nicht fragt, was hinter der doch sehr auffälligen Zusammensetzung der Viertelfinale steckt: auf den ersten Blick die Stärke Europas. Aus Afrika, das 2002 wie 2010 vertreten war, und Asien, immerhin 2002 einmal, hat es gar kein Team geschafft.

          Vor vier Jahren kamen von den acht Viertelfinalisten noch vier aus Süd- und Mittelamerika. Putin allerdings interessiert sich nicht für Costa Rica oder Kolumbien. Sein Blick ist auf Europa gerichtet. Und der Fifa geht es werbemarkttechnisch genauso, jedenfalls solange China nicht teilnimmt und mit Brasilien das größte südamerikanische Land noch dabei ist.

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          Doch welches Europa genau hat Putin im Blick? Das gespaltene. Also steht das Brexit-Land im Viertelfinale, stehen dort mit Schweden und Kroatien noch zwei Länder ohne Euro, hat sich mit Belgien eine innerlich gespaltene Nation qualifiziert und schließlich Russland selbst. Außer Frankreich keine guten Europäer: keine Spanier, Dänen, Deutschen, Portugiesen. Auch keine neutralen Europäer, wie die Schweiz oder Island. Großen Fußballnationen wie den Italienern und – den Österreichern war es schon im Vorfeld verwehrt worden, sich von ihren Krisen durch Fußball ablenken zu lassen.

          Und die Politik welches europäischen Landes ist Putin ein besonderer Dorn im Auge? Wessen Kanzlerin hat früh spüren lassen, keine Lust auf einen Russlandbesuch während der WM zu haben? Siehste. Den Deutschen, deren Stabilität Putin am meisten missfällt, wurde krisenverstärkend der frühe Abschied bereitet; der „Spiegel“ hat soeben bewährt scharfsinnig aufgedeckt, wie das alles zusammenhängt, Merkel und Löw. Er hat nur vergessen zu erwähnen, dass es kaum zufällig eine Türkei-Affäre war, die den ersten Schatten auf „Die Mannschaft“ warf. Putin, Erdogan, Löw (Ex-Fenerbahce-Istanbul, Ex-Adnanspor, Berater: Harun Aslan, dessen Agentur wiederum Özil und Gündogan ...) – na, fällt der Verschwörungsgroschen langsam?

          Schließlich die Auslosung. Auch ein Zufall? Frankreich bekommt die Aufgabe, gleich vier südamerikanische Mannschaften auszuschalten (Peru, Argentinien, Uruguay und gegebenenfalls Brasilien), wenn es ins Endspiel kommen will. Ein ganzer Kontinent also wird gegen die letzten Integraleuropäer aufgeboten. Sollten sie es überhaupt schaffen, warten im Finale dann womöglich Hammermannschaften wie Russland oder Schweden auf sie.

          Frankreich gegen England, Uruguay gegen Schweden, Brasilien gegen Russland – das alles ist möglich, und das alles wären WM-Endspiele aus welcher Zeit? Aus Putins Jugend. 1958, als er eingeschult wurde, standen im Viertelfinale Spieler aus: Jugoslawien (damals mehr Serben als Kroaten), Schweden, Brasilien, Nordirland und Wales, also Briten, Frankreich und Sowjetunion. 1962 war es nicht viel anders: vier Länder aus dem Ostblock, außerdem Brasilien und England. 1966 dann sogar England als Weltmeister und im Viertelfinale erneut die Sowjetunion und Uruguay. Sowohl 1958, 1962 wie 1966 (und 1954, 1970, 1974, 1978, 1982, 1986, 1990, 1994, 1998, 2002, 2006, 2010 und 2014) allerdings auch stets: Deutschland.

          Es ist mithin Putins Jugend minus Deutschland, die wir derzeit in Russland noch im Rennen sehen. Und jetzt sage noch jemand, das gehe mit rechten Dingen zu, Fußball sei kein Spiegel der Gesellschaft und es stecke gar nichts dahinter. Für den, der nur ein wenig bereit ist, es sehen zu wollen, steckt vielmehr alles dahinter.

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