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Putin als Historiker : Stalins gelehriger Schüler

Seine historische Polemik richtet sich vor allem gegen Polen: der russische Präsident Wladimir Putin Bild: AFP

Die russische Botschaft verschickt einen Text von Wladimir Putin an deutsche Historiker. Darin gibt der Autor Polen eine Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs: Es habe sich dem Bündnis mit der Sowjetunion verweigert.

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          Wladimir Putin hat einen Geschichtsaufsatz geschrieben. Er trägt den Titel „75. Jahrestag des Großen Sieges: Gemeinsame Verantwortung vor Geschichte und Zukunft“ und steht in deutscher Übersetzung auf der Internetseite der russischen Botschaft. Doch dabei ließ es die Botschaft nicht bewenden. Sie schickte den Aufsatz per E-Mail an Dutzende deutscher Osteuropa-Historiker, begleitet von dem Vorschlag, den Text, der sicher auf „erhebliches Interesse“ stoßen werde, „künftig bei der Vorbereitung von historischen Beiträgen zu nutzen“, selbstverständlich mit Link zur zitierten Quelle: „Webseite des Präsidenten der Russischen Föderation“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wäre Wladimir Putin ein Blogger mit zeithistorischen Neigungen, müsste man den Essay zu den Ausläufern eines geschichtspolitischen Revisionismus zählen, der seit den späten neunziger Jahren im Kernland der ehemaligen Sowjetunion um sich greift. Weil Putin aber das Staatsoberhaupt einer von der Ostsee zum Pazifik reichenden Atommacht ist, erübrigt sich jegliches Schmunzeln über seine Einlassungen. Dieser Text ist die bislang ausführlichste Fassung einer Doktrin, die das geostrategische Handeln Russlands seit Putins Machtantritt im Mai 2000 leitet. Und er ist eine ideologische Kampfansage an den einstigen Erbfeind des Zarenreichs: Polen.

          Der Pakt mit Hitler als Initialzündung zum Krieg

          Der vordergründige Anlass, das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Neuordnung Europas durch die Siegermächte vor einem Dreivierteljahrhundert, wird in Putins Aufsatz eher knapp abgehandelt. Dafür kommt der Autor schon auf der dritten von zweiundzwanzig Druckseiten zu dem Thema, das ihn eigentlich bewegt: der Frage, wer die Hauptschuld am Kriegsausbruch trägt. Für westliche Historiker gilt der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 als Initialzündung zum Krieg, da er dem geplanten Überfall Hitlers auf Polen den Weg bahnte.

          Putins Text schiebt die Schuld dagegen dem Münchner Abkommen von 1938 zu, bei dem England und Frankreich die Zerstückelung der Tschechoslowakei akzeptiert hätten. Nutznießer des Vertrags, dem „nur die UdSSR“ widersprochen habe, sei „neben Deutschland auch Polen“ gewesen. Trotz dieses „Münchner Komplotts“ habe Stalin aber „bis zur letzten Möglichkeit“ um eine Koalition gegen Hitler gerungen.

          Historische Lücken und Widersprüche

          Seine Bemühungen seien daran gescheitert, dass Polen „keine Verpflichtungen gegenüber der sowjetischen Seite übernehmen wollte“. Um es nicht „allein mit Deutschland und seinen Verbündeten“ aufnehmen zu müssen, habe sich die Sowjetunion dann mit Hitlers Reich verbündet; und erst als klar gewesen sei, dass die deutschen Truppen dabei waren, „schnell ganz Polen zu besetzen“, sei die Rote Armee ebenfalls einmarschiert. Fazit: Die Tragödie Polens liege „voll und ganz auf dem Gewissen der damaligen polnischen Führung“.

          Man muss die historischen Lücken und logischen Widersprüche dieser Darstellung – ein Staat überfällt einen anderen, weil dieser mit ihm kein Bündnis schließt – nicht einzeln aufzählen, um ihr gleichwohl eine gewisse verbohrte Konsistenz zu bescheinigen. Sie schließt nahtlos an das stalinistische Geschichtsbild an, das in der Sowjetunion bis in die Ära Gorbatschow galt und in dem die doppelzüngigen Westmächte und das perfide Polen dieselben Schurkenrollen innehatten. Dazu passt, dass Putin die Annexion des militärisch besetzten Baltikums zur friedlichen „Inkorporation“ verklärt. Zugleich kann er der Versuchung nicht widerstehen, Churchill zu zitieren, der damals Russlands „kalte Politik der eigenen Interessen“ pries.

          Was bezweckt der russische Präsident mit seiner geschichtspolitischen Handreichung? Für den Berliner Historiker Jörg Baberowski, der ebenfalls eine E-Mail der russischen Botschaft bekommen hat, steckt hinter der Veröffentlichung weniger außen- als innenpolitisches Kalkül. „Für Putin ist mit dem Ende des Kalten Krieges eine Welt untergegangen. Er will uns sagen, dass die Sowjetunion ein erfolgreiches Konzept und kein ,evil empire‘ war.“ Falls Putins Interesse aber darin bestünde, Verbündete in der deutschen Geschichtswissenschaft zu finden, hätte er es kaum falscher anstellen können. „Es gibt Leute, die Verständnis für die Zwänge eines Imperiums haben. Das macht er jetzt alles kaputt.“

          Beim Lesen des Textes, so Baberowski im Gespräch mit dieser Zeitung, habe er den Eindruck, „das kommt aus einer ganz anderen Zeit“. Andererseits liege eben in diesem Anachronismus die Gefahr, die von der putinschen Geschichtsklitterung ausgehe. „Es kommt ja gerade alles wieder.“ Nicht in Deutschland, aber an den östlichen Rändern Europas. Dort, wo man Stalins Kälte gut genug kennengelernt hat, um sich vor Putins Eifer zu fürchten.

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