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Kölner Gutachtenzirkus : Können diese Augen lügen?

Verbrechen, himmelschreiend: Am Anfang steht ein Vertrauensmissbrauch Bild: dpa

Statt im Missbrauchsskandal die Karten offenzulegen, blockiert sich das Kölner Erzbistum mit einer uneinholbaren Fiktion von Gerichtsfestigkeit.

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          Warum in Gottes Namen veröffentlicht das Erzbistum Köln nun nicht doch noch das von ihm ursprünglich in Auftrag gegebene und seit einem spektakulären Rückzieher unter Verschluss gehaltene Münchner Gutachten über sexuellen Missbrauch durch Kölner Kleriker? Jetzt, da ohnehin ein neues, als „gerichtsfest“ beworbenes Gutachten in Auftrag gegeben wurde, hätte man doch nichts zu verlieren, sollte tatsächlich ein im alten Gutachten der Münchner Anwaltskanzlei Westphal Spilker Wastl belasteter Kirchenfunktionär vor Gericht ziehen. Denn dann müssten ja die „durchgreifenden methodischen Mängel“ der Münchner Ausarbeitung offenkundig werden, von denen die Entscheidungsträger des Erzbistums sprechen, die den Inhalt des Gutachtens vereinbarungsgemäß gar nicht kennen. Sie berufen sich auf kritische Gutachtengutachten, die mit dem neuen Gutachten nicht zu verwechseln sind, aber ihm den Weg bereiten sollten.

          Auf diesem Weg gingen zunächst auch die Vertreter der Opfer mit. Patrick Bauer, der frühere Vorsitzende des Betroffenenbeirats, hat der „Süddeutschen Zeitung“ berichtet, was ihnen von den Bistumsverantwortlichen vorgetragen wurde. „Die Aussage war immer: Wenn wir das so veröffentlichen, kann es sein, dass es nach einem Gerichtsurteil komplett in der Schublade verschwinden muss.“ Und da Bauer dieses erstmals im März verwendete Argument so gut kannte, ließ er sich auch zur Zustimmung bewegen, als ihm am 29. Oktober plötzlich eröffnet wurde, dass das Münchner Gutachten gar nicht mehr veröffentlicht werden sollte. Heute sieht sich Bauer getäuscht, weil er weiß, dass der Austausch der Gutachter schon etliche Wochen vorher eingefädelt worden war. Aus dem Betroffenenbeirat ist er inzwischen ausgetreten.

          Gutachten türmen sich auf Gutachten

          Die Aussicht auf eine neues, „rechtssicheres“ Gutachten würde das Risiko, jetzt einfach auch das gedeckelte Gutachten zu veröffentlichen, beherrschbar machen: Schlimmstenfalls müsste es eben komplett in die Schublade zurück, aus der man es geholt hätte. Aber dann stünde ja demnächst das neue Gutachten zur Veröffentlichung bereit, das nach Aussage seines Verfassers Björn Gercke nicht nur die juristischen Standards erfülle, die er der Münchner Anwaltskanzlei abspricht, sondern im Blick auf Verantwortlichkeiten ebenfalls „ungemütlich“ für das Erzbistum ausfallen werde. Ob womöglich doch weniger ungemütlich als im Falle des Münchner Gutachtens – ebendies lässt sich erst sagen, wenn beide Gutachten auf dem Tisch liegen.

          Statt vorsorglich für Transparenz zu sorgen, hält das Erzbistum an einer uneinholbaren Fiktion von Gerichtsfestigkeit fest. Gutachten sind aber keine schiedsrichterlichen Einlassungen. Hinter jedem Gutachten steht im Zweifel nur eine wiederum bestreitbare Rechtsauffassung. Wo wie bei der nach wie vor beabsichtigten Nennung von Namen Persönlichkeitsrechte betroffen sind, steht ohnehin jedem der namentlich Genannten der Rechtsweg offen. Wie will ein Gutachten nun aber Gerichtsfestigkeit garantieren, die theoretisch von jedem Gutachtengutachten bestritten werden kann und sich jedenfalls erst vor Gericht erweisen wird?

          Die Gutachtengläubigkeit, um derentwillen man sich dem Verdacht der Vertuschungsvertuschung aussetzt, hat etwas zutiefst Verstörendes. „Ich habe Kardinal Woelki geglaubt“, erzählt der Betroffene Karl Haucke im selben Zeitungsgespräch. „Ich war ganz sicher, der ist an Aufklärung interessiert. Das hat sich dann verändert. Wir hatten den Sommer über mindestens zwei Gespräche mit dem Generalvikar und dem Kardinal. Ich habe gemerkt, wie ich immer häufiger in ihre Augen schaute und mich fragte: Können diese Augen lügen? Und ganz instinktiv wuchsen meine Zweifel.“ So weit ist es gekommen, dass Opfer sich fragen: Wollen hier kirchliche Amtsträger hinter einem juristischen Augenschein vermeiden, sich als Menschen in die Augen sehen zu lassen?

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