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Pommersches Landesmuseum : Wir haben gut mit den Deutschen gelebt

Die polnische Harley-Davidson: Junak-Motorräder wurden in den Stoewer-Werken in Stettin produziert. Bild: Pommersche Landesmuseum

Seit 1945 ist Pommern geteilt. Die Landschaftsbezeichnung sollte in der DDR ausradiert werden. Flucht und Vertreibung, deren Vor- und Nachgeschichte zeigt die neue, behutsame Dauerausstellung im Pommerschen Landesmuseum Greifswald.

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          Eines der schönsten Lehnworte der polnischen Sprache ist deutscher Herkunft: „klejnot“. Wer zum Beispiel nach Stargard in Hinterpommern, heute Stargard Szczeciński, fährt, wird sehen, dass die Stadt mit ihrem kostbaren Renaissance-Rathaus und der Marienkirche, der größten Kirche Pommerns, für sich wirbt mit dem Slogan „Stargard, klejnot Pomorza“ – „Stargard, Kleinod Pommerns“. Zu Herzen gehen kann einem dabei zweierlei: einmal die Entlehnung eines deutschen Wortes für etwas besonders Zartes und Schützenswertes, zum andern die ausdauernde Lebendigkeit der historischen Bezeichnung „Pommern“ auch im Polen der Gegenwart.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Als Christian Graf von Krockow 1985, vierzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, sein Buch „Die Reise nach Pommern“ herausbrachte, gab er ihm den Untertitel „Bericht aus einem verschwiegenen Land“. Verschwiegen war dieses Land besonders in der DDR, wo jede sprachliche Erinnerung an Pommern rigoros ausradiert worden war. Es sollte aus dem Bewusstsein verschwinden, dass der größte Teil Pommerns – ganz Hinterpommern, dazu noch ein Teil Vorpommerns mit den Hafenstädten Stettin und Swinemünde samt der Insel Wollin – an Polen gefallen war. Anderthalb Millionen Menschen hatte man dabei vertrieben.

          Die neue Dauerausstellung im Pommerschen Landesmuseum in Greifswald – „Pommern im zwanzigsten Jahrhundert“ – erinnert auch daran: Die Sowjetische Militäradministration hatte im Juli 1945 den Befehl zur Gründung eines Landes in ihrer Besatzungszone erteilt, das damals noch „Mecklenburg-Vorpommern“ heißen durfte. Doch nach dem Beschluss des Alliierten Kontrollrates zur Auflösung des Staates Preußen im Jahr 1947 gerieten auch die Bezeichnungen ehemals preußischer Provinzen in Verruf.

          In Greifswald kann man jetzt das Regierungsblatt für Mecklenburg vom 22. März 1947 in aller Ruhe studieren und darin folgende Mitteilung des damaligen Ministerpräsidenten Höcker finden: „Der Chef der SMA, Herr Generalleutnant Trufanow, hat Veranlassung genommen, mich darauf hinzuweisen, daß nach dem Befehl Nr. 5 des Obersten Chefs der SMAD vom 9. Juli 1945 eine Landesverwaltung für das Verwaltungsgebiet Mecklenburg zu bilden war, in dessen Grenzen der Westteil von Pommern – Stadt Stettin ausgenommen – eingeschlossen werden sollte. Der Herr Generalleutnant hat weiterhin darauf hingewiesen, daß die Landesregierung infolgedessen nicht das Recht hat, sich als eine Landesregierung für das Land Mecklenburg-Vorpommern zu bezeichnen, sondern daß sie nur befugt ist, die Bezeichnung ‚Landesregierung Mecklenburg‘ zu führen. Mit sofortiger Wirkung wird daher angeordnet, daß in allen amtlichen Schreiben nur noch die amtliche Bezeichnung Landesregierung Mecklenburg und Land Mecklenburg geführt werden darf.“

          Zum Beleg der Didaktik einer Amputation von Erinnerung sieht man darunter Kurt Eggerts Brettspiel „Mecklenburg. Land der Seen, Bäder und Wälder“ aus dem Jahr 1950. Pommern war ausradiert. In der DDR wurde alles, vollkommen unhistorisch, als „Mecklenburg“ deklariert, was sich vielfach bis heute durchgehalten hat. Aber einen Stralsunder als „Mecklenburger“ zu bezeichnen ist so widersinnig, wie einen Bonner „Westfalen“ oder einen Freiburger „Schwaben“ zu nennen.

          Der neue Teil der Landesausstellung wurde unter der Leitung von Uwe Schröder gemeinsam kuratiert von den deutschen Historikern Gunter Dehnert, Heiko Wartenberg und Stefan Fassbinder mit den polnischen Kollegen Tomasz Ślepowoński und Andrzej Hoja vom Nationalmuseum Stettin. Sie stellt sich einem heiklen Thema, das die bisherige Ausstellung, die im Glanz der kaiserzeitlichen Seebäder abbrach, bislang vermieden hatte: der Teilung Pommerns, der Flucht und Vertreibung verschiedenster Menschengruppen.

          Als Einstieg wurde der Erste Weltkrieg gewählt, durch den man anhand von Feldpostbriefen pommerscher Soldaten geführt wird. Ebenso gerafft wie eindrucksvoll exponiert wird die politische Radikalisierung Pommerns, das infolge des Versailler Vertrags und der Abtrennung Westpreußens zur Grenzprovinz geworden war. Wirtschaftskrisen trafen auch Großunternehmen wie die Stettiner Vulkan-Werft, die 1928 geschlossen wurde, oder die Stoewer-Werke in Stettin, die Autos und Motorräder fertigten. Ein Plakat versucht sich in Galgenhumor: „Kinder, kooft Kämme. Wir gehen lausigen Zeiten entgegen.“ Bei den Reichstagswahlen 1933 kam die NSDAP in Pommern auf knapp fünfzig Prozent der Stimmen. Wenig später war die Provinz, ohne Zweifel eine unrühmliche Position, die erste des Reiches, aus der Juden deportiert worden sind.

          So grell diese Seite der Geschichte in den Blick gerät, so zurückhaltend ist die Thematisierung der Kriegsopfer. Die Bombardierung Stettins und Swinemündes wird zwar erwähnt, es gibt sogar eine Zeitleiste mit Fliegeralarmen und Bombenabwürfen, aber wer mehr wissen will, muss eine Schublade mit der Aufschrift „Fünf Städte“ aufziehen. Dort findet man auch etwas über den Massenselbstmord von Frauen mit deren Kindern in Demmin Ende April, Anfang Mai 1945.

          Ähnlich verhält es sich mit der Gewalt gegen deutsche Bewohner Hinter- und Vorpommerns durch die Rote Armee und polnische Streitkräfte. Sie wird zurückhaltend erwähnt, aber auch nicht ganz verschwiegen. Ein Auszug aus dem Befehl Nr. 0150 des Oberhaupts der zweiten Armee der Polnischen Streitkräfte, Karol Świerczewski, 24. Juni 1945, ist groß an der Wand zu lesen: „Man muss seine Aufgabe auf so harte und entschiedene Weise ausführen, dass sich das germanische Ungeziefer nicht in den Häusern versteckt, sondern von selbst vor uns fliehen wird. Ich befehle allen Kommandierenden der Division, mit der Aussiedlung der Deutschen in ihren Regionen rücksichtslos und schnell fortzufahren.“ Daneben findet sich die Äußerung einer „Neusiedlerin“, wie man die auf Stalins Geheiß vertriebenen Polen aus der heutigen Westukraine nannte. Wanda Rodyrra bemerkte über die deutschen Vorbesitzer ihres Mühlengrundstücks: „Feine Leute waren das. Wir wollten nicht, dass man sie wegbringt, denn wir haben gut mit ihnen gelebt.“

          In dieser Vielstimmigkeit, auch in der Zurückhaltung bei der Beschreibung deutscher Verlusterfahrungen (die gleichwohl zur Sprache kommen) zeigt sich die Klugheit und Weisheit der Ausstellungsmacher. Sie ist langfristig auf ein gedeihliches Miteinander von Polen und Deutschen in Pommern aus, so wie im Westen Deutschlands die Pommersche Landsmannschaft mit solch prominenten Köpfen wie Klaus und Philipp von Bismarck früh auf eine europäische Aussöhnung statt auf Revanche gesetzt hatte.

          Mit dem Beitritt Polens zum Schengen-Raum im Jahr 2007 wurde die innerpommersche Grenze wieder durchlässiger. Als am 5. September 2014 die neue Philharmonie in Stettin eingeweiht wurde, begründete der stellvertretende Stadtpräsident Krzysztof Soska die Entscheidung, das neue Haus an den Platz des kriegszerstörten alten zu setzen, mit dem Satz: „Wir wollten damit zum Ausdruck bringen, dass Stettin eine deutsche Stadt war. Erst seit dem Zweiten Weltkrieg ist sie polnisch. Das neue Haus am alten Platz setzt ein Zeichen der Kontinuität.“

          Mittlerweile hat sich das deutsch-polnische Verhältnis wieder angespannt. Umso wichtiger ist das Zustandekommen dieser Ausstellung, die nun dauerhaft in Greifswald zu sehen sein wird. Zudem hört man, dass die Deutsche Bahn die Strecke von Passow in der Uckermark bis nach Stettin wieder zweigleisig ausbauen und elektrifizieren will. Die Eisenbahn­linie Berlin–Stettin war einstmals die modernste des Deutschen Reiches: 1843 eröffnet, von 1873 an zweigleisig, seit 1924 voll elektrifiziert als Modell für die Berliner S-Bahn. Im Jahr 2026, also 102 Jahre später, soll dieser Zustand wieder erreicht werden.

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