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Willy-Brandt-Haus in Lübeck : Die schönste Gedenkstätte für einen Kanzler

  • -Aktualisiert am

Halbstark vor dem Gartenzaun: Herbert Frahm 1931 Bild: Willy-Brandt-Archiv

An diesem Dienstag wird in Lübeck das Willy-Brandt-Haus eröffnet. Die Ausstellung wirft einen erhellenden Blick auf die jungen Jahre des als Herbert Frahm geborenen Politikers, verpasst wenige geschichtliche Gelegenheiten und übertreibt ein einziges Mal.

          Zuweilen bergen schon schlichte Tatsachen einen ironischen Sinnzusammenhang: Das Willy-Brandt-Haus, das heute zum 94. Geburtstag des 1992 gestorbenen SPD-Politikers in einem prachtvoll-historischen Gebäude an der Königstraße in der Lübecker Altstadt festlich eröffnet wird, bietet nicht nur der Dauerausstellung „Willy Brandt - Ein politisches Leben im 20. Jahrhundert“ und einer Tagungsstätte Unterkunft, sondern auch der Lübecker Denkmalpflege. Das ist nicht unkomisch, bildete Willy Brandt doch schon zu seinen Lebzeiten ein Denkmal seiner selbst.

          Diese Denkmalbildung hängt damit zusammen, dass seine unbürgerliche, uneheliche, lange Zeit sogar unklare Herkunft den späteren Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger zu jenem Menschentypus werden ließ, der sich selbst erfindet. Dazu gehört auch, dass der als Herbert Frahm geborene Sozialdemokrat seinen für die Emigration erfundenen Kampfnamen Willy Brandt später nicht wieder ablegte und sich damit gleichsam selbst getauft hat. Der Ausstellungsraum, der Brandts proletarische und nach eigenem Verständnis „unbehauste“ Jugend in der Heimatstadt Lübeck rekonstruiert, zeigt eine Umwelt, von der Brandt einmal sagte, dass es ihn wohl nie gegeben hätte, wenn damals die von seinen späteren Parteifreundinnen heftig befürwortete Freigabe der Abtreibung in Kraft gewesen wäre.

          Alle Register moderner Museumsdidaktik gezogen

          Dieser Raum stellt nicht nur Brandts persönliches Umfeld, seine Lektüren und sein schulisches Leben ausgezeichnet dar - in „Betragen“ verzeichnet das Reifezeugnis des Lübecker Reformgymnasiums „Johanneum“ nur ein „im ganzen gut“, in „Leibesübungen“ gar ein „mangelhaft“ -, sondern auch das Umfeld in der Lübecker Vorstadt St. Lorenz, in dem der junge und hochbegabte Herbert Frahm sozialisiert wurde. Den ausgestellten Porträts des Schülers und jungen Emigranten merkt man eine eigentümliche Mischung aus proletarischem Stolz und schon frühem Eigensinn an. Auch spätere Stationen des Politikers werden im Willy-Brandt-Haus immer wieder ins Zeitgeschehen eingebettet.

          Mit Schick, Stock und Matrosenmütze: Herbert Frahm etwa 1916

          Dazu hat die bundeseigene Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung, die das Haus betreibt, alle Register moderner Museumsdidaktik gezogen: beispielsweise eine umzuhängende Chipkarte, mit der man verschiedene Filme ansehen und Willy Brandt zum Sprechen bringen kann - und dies sowohl für deutsch- wie englischsprachige Besucher sowie für Kinder. Es gibt auch ein deutsch-deutsches Wohnzimmer, in dem man auf zwei Apparaten und zwei Sesseln sowohl die Versionen der Westsender als auch die des DDR-Fernsehens von Kennedys Berlin-Besuch im Jahr 1963 und von Brandts Erfurt-Besuch im Jahr 1970 betrachten kann. Eine weitere Ausstellungsstation führt auf das nachgebaute Fragment der früheren Bonner Regierungsbank samt Rednerpult.

          Etwas nonchalant: der Mauerfall als Erfolg Brandts

          Zu den Vorzügen der Dauerausstellung gehören die Dichte ihrer Atmosphäre und die didaktisch gelungene Nachvollziehbarkeit auch der Kontroversen, die Brandts Person und Handeln, insbesondere seine Ostpolitik, hervorriefen. Nicht zuletzt wird auch an die unfroh stimmenden Kampagnen gegen seine Emigration und die Adenauer nicht zur Ehre gereichende Wahlkampfformulierung „Brandt alias Frahm“ erinnert. So bekommen auch diejenigen, die damals noch nicht lebten oder die Zeit nicht bewusst erlebten, zumindest eine Ahnung von der ungeheuren Heftigkeit des Streits um den SPD-Vorsitzenden und späteren Bundeskanzler.

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