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Willkommenskultur : Der Affekt gegen den Affekt

Dankbarkeit von Flüchtlingen? Eine Inszenierung der Behörden! Helfer? Unverbesserliche Gutmenschen! Die Kritiker der Willkommenskultur stellen dem Land die Diagnose: Helfersyndrom im Erststadium.

          Kann ein Kind ein Dach perspektivisch zeichnen? Zu dieser Frage der empirischen Ästhetik musste die Bundespolizei in Passau dieser Tage eine Einschätzung abgeben. In einer Registrierungsstelle für Flüchtlinge hatte ein sieben bis acht Jahre altes Mädchen drei Polizisten ein mit Filzstiften gemaltes Bild geschenkt. Links sieht man Kriegsgreuel: eine Frau an Krücken, aus deren Beinstumpf Blut tropft. Rechts gehen zwei Menschen mit Taschen an beiden Händen auf ein großes heiles Haus zu. In einem Herz rechts vorne steht das Wort „Polizei“, geschrieben POLIZI. Ein Polizist verbreitete ein Foto über Twitter. Daraufhin entbrannte im Internet eine Debatte. Hatte wirklich ein Kind das Bild gemalt?

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Allegorischer Schmuck sprach dafür, dass die Hand eines Älteren im Spiel gewesen war. Und dann war da noch die durch Schraffuren perspektivisch korrekt angedeutete Dachschräge des rettenden Hauses. Man muss eine gewaltige Energie des Misstrauens investieren, um auf dieses Detail zu stoßen. In einem Fernsehkrimi hätte die Frage nach dem kindlichen Vermögen zur räumlichen Dachdarstellung für Spannung gesorgt, wenn es um die Tatortzeichnung einer mutmaßlichen Augenzeugin gegangen wäre. Aber das Mädchen hatte sein Geschenk gar nicht als eigenhändiges Werk ausgegeben. Ohnehin müssen Erwachsene den aus Syrien hierherkommenden Kindern erklären, was es mit der Polizei auf sich hat.

          Wer helfen will, wird denunziert

          Die perfide Phantasie der Asylskeptiker, die sich im Netz über das Bild hermachten, erreichte ihr äußerstes Raffinement denn auch nicht in der Vermutung, erwachsene Flüchtlinge hätten den Kinderstil imitiert und für ihren Versuch der Beamtenbestechung durch kitschige Zuwendung ein Kind vorgeschickt. Geäußert wurde die Vermutung, es müsse sich um eine „propagandistische Inszenierung der Polizei“ handeln. Dieser Verdacht ist typisch für das öffentliche Gespräch über die Lage, die durch die massenhafte Ankunft von Flüchtlingen in Deutschland entstanden ist. Der Bundespräsident hat am Sonntag in seiner Mainzer Rede auf den Begriff gebracht, wie der Verdacht von den Feinden des Asylrechts wie von den falschen, fanatischen Asylfreunden als Waffe verwendet wird: Menschen, die sich engagieren, werden „denunziert“. Ihnen wird das Schlimmste zugetraut und auf den Kopf zugesagt.

          Beschimpfungen der Polizei, jener Behörde, die für die elementare rechtliche Ordnung zuständig ist, waren schon ein Symptom der Krise des deutschen Flüchtlingsregimes, als Regierung und Medien die Krise noch gar nicht bemerkt hatten. Langsam, aber ständig wuchs über den Sommer die Zahl der mit der Bahn in München eintreffenden Flüchtlinge. Die Polizisten, die die Ankömmlinge in Empfang nahmen und zur Aufnahme der Personalien in eine provisorische Amtsstube führten, mussten sich daran gewöhnen, dass Reisende, die zufällig Zeugen dieser Szenen wurden, sie mit Schimpfwörtern bis hin zum Gestapo-Vergleich überzogen. Offensichtlich hatten die Empörten keine Ahnung davon, dass hier die Bundespolizisten auch im Interesse der Asylsuchenden ein Minimum rationaler Verwaltung aufrechterhielten, weil die europäische Regelung, dass Asylanträge sofort nach Betreten europäischen Bodens zu stellen sind, längst faktisch außer Kraft gesetzt war.

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