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NS-Vergleiche : Spiralen der Entrüstung

  • -Aktualisiert am

Sie scheuten nicht die Empörung: Willy Brandt und Herbert Wehner Bild: Barbara Klemm

Wer die Eskalation sucht, wählte den NS-Vergleich. Das gilt bis hin zu den Corona-Demonstranten. Der Historiker Willibald Steinmetz untersucht dessen Geschichte.

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          „Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit den Nazis oder Hitler dem Wert Eins an.“ Dieses „Gesetz“ stellte der amerikanische Rechtsanwalt Mike Godwin schon 1990 auf, also noch vor dem Siegeszug des World Wide Web. Dass es auch in der analogen Welt gilt, zeigen die aktuellen Corona-Demonstrationen, wenn Protestierende sich auf Sophie Scholl berufen, Impfgegner sich den Judenstern anheften und der Lockdown in die Tradition des nationalsozialistischen Ermächtigungsgesetzes gestellt wird. Solche Gleichsetzungen mit der NS-Diktatur und dem Holocaust dienen dazu, Aufsehen zu erregen, andere zu diffamieren oder sich selbst als Opfer zu profilieren. Sie sind der Inbegriff dessen, was in Politik und Öffentlichkeit heutzutage als „empörender Vergleich“ wahrgenommen wird, weil mit der Dämonisierung des Vergleichsgegenstandes oder seiner Opfer-Stilisierung eine Verharmlosung des Nationalsozialismus einhergeht.

          Mit der Geschichte politisch instrumentalisierender Vergleiche und den von ihnen ausgelösten Entrüstungen beschäftigt sich Willibald Steinmetz, Historiker an der Universität Bielefeld. Längerfristig will er den „empörenden Vergleich“ als rhetorisches Genre und strategisches Mittel der Auseinandersetzung bis in die Zeit der Konfessionskämpfe zurückverfolgen. Momentan liegt sein Fokus auf den NS-Vergleichen der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit. Seine Befunde schilderte er in einem Vortrag bei der Jahresversammlung des Instituts für Deutsche Sprache und im Gespräch mit dieser Zeitung.

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