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Rassenunruhen in Amerika : Mein Land, zerrissen und in Flammen

  • -Aktualisiert am

Als Präsident Johnson die Nationalgarde schickte und diese Schreckliches tat: Detroit, 1967 Bild: Picture-Alliance

Vor mehr als fünfzig Jahren sah ich als Kind Detroit brennen. Jetzt brennt das Land wieder. Was werden meine Kinder einst über die Gegenwart denken, und wie wird dann ihre Zukunft aussehen?

          5 Min.

          Ausnahmsweise durften wir beim Abendessen fernsehen. Meine Mutter stellte „Fernsehtische“ vor dem Schwarzweißgerät in unserem kleinen Wohnzimmer auf, das in einem Nullachtfünfzehn-Vorort namens East Detroit lag: fast identische Häuser, so weit das Auge reichte, nach dem Krieg für die Arbeiter von Amerikas „Motor City“ gebaut. Sie machte uns „swanky franks“ (Hot Dogs mit Käse überbacken), die etwas zu lang im Ofen blieben. Während der noch qualmte, stand sie wie angewurzelt und mit Tränen in den Augen vorm Fernseher. An diesem heißen Juliabend 1967 aßen wir still und sahen zu, wie die Stadt ihrer Kindheit und Jugend brannte.

          Ich war sieben, und ich werde nie die Bilder von Panzern in brennenden Straßen vergessen, die Sirenen, die Geräusche der Tränengasgranaten, die aus dem Off hörbaren Schreie. Es war ein Chaos, wie wir es in meiner segregierten Heimatstadt noch nie erlebt hatten: Mit 43 Toten und mehr als 1200 Verletzten war es der bislang blutigste Aufstand der amerikanischen Geschichte, bis zu den Rassenunruhen in Los Angeles 1992. Bis heute hat sich die Stadt nicht völlig erholt. Ganze Straßenblocks verschwanden, viele Gebäude wurden dem jahrzehntelangen Verfall überlassen.

          Meine damals einzigen vergleichbaren Eindrücke stammten aus fernen Dschungeln in Vietnam – diese hier kamen aus einer nur wenige Meilen entfernten Stadt, in der meine Großmutter lebte. Ich weiß nicht, was mich mehr verängstigte: die physische Gewalt oder dass ich plötzlich meine Eltern, Lebensanker und Autoritätsfiguren, so verängstigt sah. Nach den Aufständen fuhren wir weiterhin manchmal nach Detroit, zu Baseballspielen oder am St. Patrick’s Day, aber die Angst ging nie mehr weg. Auch wenn wir Antidiskriminierungsmaßnahmen und die Desegregation per Schulbus erlebten, waren wir letztlich segregiert – und blieben es auch in unserem Bewusstsein, selbst wenn wir mit Schwarzen zusammentrafen.

          Was wurde aus Johnsons „Great Society“?

          Heute steht mein Land wieder in Flammen, und wieder sehe ich das alles im Fernsehen. Und wieder ist es im Grunde dieselbe Geschichte wie in Detroit vor mehr als fünfzig Jahren: weiße Polizisten, die brutal auf schwarze Männer losgehen. Am 25. Mai wurde George Floyd, der angeblich Zigaretten mit Falschgeld bezahlen wollte, von der Polizei in Minneapolis getötet. Manche allzu vorsichtigen Reporter bevorzugen noch immer die Formulierung „starb in Polizeigewahrsam“, aber die Dokumentation mit mehreren Video-Quellen in der „New York Times“ zeigt deutlich, dass er ermordet wurde.

          Wie viele weiße Amerikaner habe ich mich jahrelang mit der Vorstellung von einem allmählichen Fortschritt getröstet. Ja, es gibt noch viel zu tun, aber Lyndon Johnsons „Great Society“, das Wahlrechtsgesetz von 1965 und andere Bürgerrechtsgesetze haben nicht nur einen Kompass, sondern einen Fahrplan zu wenigstens etwas Rassengerechtigkeit geschaffen. Wir waren auf dem richtigen Weg. Das Konzept der „affirmative action“ in der Arbeitswelt und im Bildungswesen führte zu dauerhaften Verbesserungen.

          Mit einem Zitat von Martin Luther King, der dieses wiederum von einem Geistlichen des neunzehnten Jahrhunderts geliehen hatte, sagte Präsident Obama gern: „Der Bogen des moralischen Universums ist weit geschwungen, aber er neigt sich zur Gerechtigkeit.“ Daran habe auch ich viel zu lange geglaubt.

          Als ich vor fünfzehn Jahre eine Stelle an der Duke University annahm, stand auf der Leseliste für Erstsemester an der benachbarten Universität von North Carolina Timothy Tysons Memoir „Blood Done Sign My Name“. Es schildert, wie der 23 Jahre alte schwarze Veteran Henry Marrow 1970 von drei Weißen ermordet wurde. Auch wenn er durch Schüsse starb, war es im Grunde ein Lynchmord. Die Täter wurden von einer weißen Jury freigesprochen. Es war ein Buch zur Bewusstseinsbildung, das viele Preise gewann und viel Aufmerksamkeit erregte.

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