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Rassenunruhen in Amerika : Mein Land, zerrissen und in Flammen

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Wann endet die Jim-Crow-Zeit?

Was viele weiße Leser und auch mich überraschte, war der Zeitpunkt des Mordes, 1970. Moment mal, dachten wir – sollten wir nicht längst über solche Verbrechen aus dem amerikanischen Süden der Jim-Crow-Gesetze hinaus sein? Das passte nicht zur Chronologie der Heilung solcher Wunden, an die ich glaubte und die man uns in der Schule gelehrt hatte. Und dann die Nähe dieses Verbrechens: Es hatte sich nur 35 Meilen entfernt von meinem paradiesischen neugotischen Campus ereignet. Nicht, dass der Kampf um Bürgerrechte mir unvertraut gewesen wäre oder im Lehrplan nicht vorgekommen wäre – aber er war immer eingebettet gewesen in eine ermutigende Darstellung des Fortschritts, so dass die Anwendung des Begriffs „Apartheid“ auf den amerikanischen Süden für mich eine Offenbarung war: ein peinliches Eingeständnis für jemanden, der sich da bereits im mittleren Alter, in der Mitte seiner Karriere befand und Zugang zu exzellenter Bildung hatte.

In den Vereinigten Staaten ist Gewalt gegen Schwarze so weit verbreitet und dominiert derart den Diskurs, dass man unmöglich weiter der Erzählung von allmählich entstehender Rassengerechtigkeit glauben kann, mit der ich aufgewachsen bin. George Floyds verzweifelte letzte Worte, dass er einfach nicht atmen kann, waren fast genau dieselben wie jene Eric Garners, den 2014 ein weißer Polizist in New York auf dieselbe Weise tötete: im Würgegriff. Dann die Erschossenen Ahmaud Arbery und Breonna Taylor: Die Liste wird länger und länger. Rassistische Morde sind so alltäglich geworden, dass sie im Nachrichtengeschäft traurigen „Evergreen“-Status erreicht haben. Dieser Anstieg der Gewalt gegen Schwarze ist meinen schwarzen Mitbürgern freilich nicht entgangen. Sie brauchten kein Buch zur Bewusstseinsbildung von Tim Tyson. Nichts davon ist ihnen neu. Sie hatten nicht den Luxus, sich in einen Kokon von Fortschritts-Fabeln zu hüllen.

Videotechnik hat es leichter gemacht, diese schreckliche Geschichte glaubwürdig und eindringlich zu erzählen. Viel klarer sieht man nun, wie Polizeiberichte zum Schutz der Polizisten manipuliert werden. Und viele sehen, dass die Rechtsauffassung der „qualifizierten Immunität“, die seit Jahrzehnten die Polizei schützt, überholt sein könnte. Zur Veränderung brauchte es ein engagiertes Justizministerium, das sich tatsächlich um Gerechtigkeit kümmert, und einen Präsidenten, der kein Rassist ist.

Jüngst lasen wir in der „New York Times“ vom asymmetrischen Einsatz der Polizeikräfte in unserem Land, bei dem ältere, weiße und rechte Demonstranten viel respektvoller und sanfter behandelt werden als jüngere Menschen, einschließlich farbige, die gegen den Mord an Floyd und Polizeigewalt protestieren. Der Präsident selbst hat gerade die Polizeigewalt voll ausgenutzt, um eine friedliche Menge zu zerstreuen, damit er sich für einen Medienauftritt inszenieren konnte. Dieser Präsident, der sich nie um die Feinheiten der Demokratie gekümmert hat, droht nun, das Militär gegen amerikanische Bürger einzusetzen.

Während ich dies schreibe, gehen die Proteste hier und auf der ganzen Welt weiter, auch in Berlin. Ich bin zutiefst dankbar für diese Solidarität. Sie müssen jetzt mehr denn je die Demokratie in Amerika unterstützen. Bitte geben Sie uns nicht auf.

Ich hoffe, dass die Proteste nicht zu weiteren Plünderungen, zur Zerstörung von Eigentum und zu aggressiveren Polizeieinsätzen führen, sondern vielmehr zu politischen Veränderungen – zu solchen Vereinigten Staaten, in denen meine Kinder in fünfzig Jahren keine Wiederholung derselben Szene erleben müssen, so wie ich es gerade muss.

Wenn sie über die krassen Bilder dieser Proteste von 2020 nachdenken – sowohl gewalttätige wie auch friedliche –, hoffe ich, sie werden es besser machen und über Verwirrung, Angst und nicht eingestandenes Selbstmitleid hinauskommen. Es genügt nicht, zu weinen und zu zittern. Denn Angst schürt nicht nur Rassismus, sie veranlasst auch weiße Liberale wie mich, an einfache Mythen über den Bogen eines moralischen Universums zu glauben, der sich in Richtung einer Gerechtigkeit neige, die gegenwärtig noch nicht einmal am Horizont ist.

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