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Wikipedia und Amazon : Der Marketplace soll es richten

Was man da nicht alles findet! Oder eben auch nicht so leicht findet, weil Schrott die Sicht verstellt. Bild: dpa

Amazon bietet sich als Verkaufsfläche für aus Wikipedia kompilierte Bücher von absurd schlechter Qualität an. Es macht damit Lexikonautoren zu unfreiwilligen Gratisarbeitern für windige Geschäfte und die digitale Utopie zur Farce.

          Es ist die Ironie der digitalen Utopie, dass das frei kursierende Wissen des Web 2.0 auch in zweifelhafte Geschäftsmodelle wandert. Vor zwei Jahren begann das Internetlexikon Wikipedia selbst, Extrakte der Enzyklopädie in Kooperation mit Bertelsmann in Papierform zu bringen und als eine Art "Best of" zu verkaufen. Wer sich bei der unentgeltlichen Wissensakquise von höheren Ideen hatte antreiben lassen und jetzt bei der kommerziellen Abzweckung nicht gefragt wurde, durfte sich düpiert fühlen.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Kürzlich legte der britische Publizist James Bridle mit der Idee nach, alle Wikipedia-Beiträge über den Irak-Krieg in einer zwölfbändigen Druckausgabe zusammenzufassen und sie als State of the art zeitgeschichtlichen Publizierens zu bewerben. Erstmals habe man die Spur jeder dieser "unermesslich wertvollen Informationsstücke", die es erlaubten, Geschichte als den unabsehbaren Prozess zu beschreiben, der er in Wirklichkeit sei. Sieht man darüber hinweg, dass nicht jede dieser Information unvergesslich ist, wird hier ein hybrider Lexikonstil genreübergreifend salonfähig gemacht. Am Ende steht das computergefertigte Buch, mit geringstem Aufwand erstellbar.

          Kopierte Wikipedia-Artikel

          Dieses gibt es längst in großer Zahl. Der Dresdner Plagiatsforscher Stefan Weber erfuhr dies, als er in die Suchspalte des Internetbuchhändlers Amazon den Begriff "Hochschullehrer" eintippte und ihm unter 27 000 Ergebnissen eine ins Unabsehbare gehende Reihe spröder, einfarbiger Buchcover mit nicht enden wollenden Titeln ins Auge stach. Von kryptischen Überschriften wie "Hochschullehrer (Amherst, Massachusetts): Nassim Nicholas Taleb, Roderick Chisholm, Karl Loewenstein, Max Roach, Jacob Abbott, Hans Speier" oder "Sowjetische Besatzungszone: Gruppe Ulbricht, Sowjetische Militäradministration in Deutschland, Georgi Konstantinowitsch Schukow, Speziallager" werden sich nur wenige angezogen fühlen. Auch thematisch regiert Beliebigkeit. In wahlloser Zusammenstellung werden amerikanische Wirtschaftstheoretiker oder deutsche Märchenillustratoren zum Buchinhalt gemacht. Merkwürdig auch, dass als Herausgeber, wahrscheinlich ungefragt, Hochschullehrer unterschiedlichster Herkunft firmieren.

          Hinter der monotonen Reihe steht ein amerikanischer Verleger namens "booksllc", dessen Bücher nach eigener Angabe größtenteils aus kopierten Wikipedia-Artikeln bestehen. Beim Qualitätsanspruch gibt man sich bescheiden und weist vorsorglich auf Fehler hin. Die Preise sind dagegen stattlich. Schon zwanzigseitige Bücher kosten zwölf Euro. Offenbar bietet der Verlag zu allen Wikipedia-Schlagwortgruppen Papierversionen an.

          Es ist ein Projekt von einer derart absurden Amateurhaftigkeit, dass an einen finanziellen Erfolg nicht zu glauben ist. Der Skandal besteht aber schon darin, dass es andere, sorgfältig verlegte Bücher aus dem Blickfeld verdrängt. Unter den ersten Suchergebnissen des Stichworts "Hochschullehrer" finden sich auf der Amazon-Seite sieben dieser Online-Derivate. Das erste Suhrkamp-Buch rangiert unter dem Toptitel der Bucher Gruppe. Man stelle sich ein Buchgeschäft vor, das seine hochwertigen Bücher hinter Bergen unredigierter Mängelexemplare versteckt. Die Geschäftsidee folgt dem im Netz weitverbreiteten Quantitätsprinzip. Man muss nur genug dieser billig produzierbaren Bücher anbieten. Der Absatz weniger Exemplare sollte dann schon reichen. Dieser Berechnung assistiert die Naivität, mit der Amazon sich als Werbefläche bereitstellt und sich zum Komplizen des Kopierprinzips macht. Gibt es hier keine Qualitätskontrolle?

          Die Nachfrage entscheidet

          Laut Pressesprecherin Christine Höger will der Buchhändler bislang keine grundsätzliche Stellungnahme abgeben. Die Wikipedia-Bücher stammten von dem externen Anbieter Marketplace, man prüfe, ob er den eigenen Teilnahmebedingungen entspreche. Offenbar betrachtet man die Sache aber nicht als Problem. Ziel von Amazon sei es, möglichst viele Bücher anzubieten nebst Informationen, die den Kunden eine Kaufentscheidung möglich machen. Den Rest regele das freie Spiel von Angebot und Nachfrage. Was der Kunde in Amazons Produktbeschreibung nicht sieht, ist das Innenleben dieser Bücher, auf das bereits der Blogger Andreas Weigel (http://members.aon.at/andreas.weigel/Bucher-LLC) hingewiesen hat: Das Exemplar zu James Joyce etwa verfügt über ein automatisch erstelltes, nach alphabetischem Kriterium völlig sinnlos geordnetes Inhaltsverzeichnis. Die einzelnen Kapitel bestehen durchgängig aus Wikipedia-Artikeln, die von einem Übersetzungsprogramm mit haarsträubenden Fehlern ins Deutsche übertragen wurden. Von im Titel angekündigten Beiträgen fehlt teilweise jede Spur.

          Die Listung der Suchergebnisse überlässt Amazon einem Algorithmus, den man sich als eine Art heiliges Orakel vorstellen muss, das automatisch alles zum Rechten wendet. Über seine Hierarchisierungskriterien, man setze auf Verständnis, sei keine Angabe zu erwarten, an den Folgen will man ihn offenbar nicht messen. Tut man es doch, sieht man eine unfreiwillige Indienstnahme von Wikipedia-Autoren als Gratisarbeiter für windige Geschäfte, die den Gedanken des Web 2.0 ad absurdum führt.

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