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Wikipedia schaltet ab : Ein Tag Sendepause

  • -Aktualisiert am

Die Wikipedia macht für einen Tag dicht. Bild: dapd

Die Wikipedia stellt heute den Dienst aus Protest gegen die europäische Urheberrechtsrichtlinie für vierundzwanzig Stunden ein. Mit der Aktion machen sich die Lexikon-Schreiber unglaubwürdig. Ein Gastbeitrag.

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          Die Online-Enzyklopädie Wikipedia stellt heute ihren Dienst aus Protest gegen die europäische Urheberrechtsrichtlinie für vierundzwanzig Stunden ein. Youtube nutzt seine große Verbreitung, um politische Kommunikation in eigener Sache zu betreiben. Auf diese Weise verdeutlichen die beiden Plattformen, warum die Novelle des Urheberrechts ein wichtiger Schritt bei der Einhegung der Macht digitaler Monopole ist.

          Wikipedia ist eine der meistbesuchten Websites. Eng verwoben mit der Websuche von Google liefert sie jeden Tag Informationen zu den unterschiedlichsten Themen. Wikipedia beruft sich auf das Prinzip der Schwarmintelligenz. Dieses geht davon aus, dass ein möglichst objektives Bild von der Welt entstehe, wenn eine möglichst große Zahl von Menschen Fakten zusammenträgt und überprüft. Durch die Abschaltung der Seite für eine politische Kampagne verrät die Wikipedia ihr Ziel der Objektivität und büßt ihre Glaubwürdigkeit ein. Die Aktion könnte man vielleicht noch rechtfertigen, wären Online-Enzyklopädien von der Urheberrechtsnovelle betroffen. Doch das sind sie nicht. Artikel2 der Richtlinie schließt Angebote wie das der Wikipedia explizit aus.

          Mit ihrer Positionierung in der Urheberrechtsdebatte zeigt die Wikipedia, wie gefährlich digitale Monopole sind: „Wikipedia“ steht als Synonym für „Enzyklopädie“, „Youtube“ für „Videos“, „Spotify“ für „Musik“, „Google“ für „Suche“. Entgegen der Annahme, das Internet mache „Gatekeeper“ im Informationsfluss überflüssig, entstehen durch den Netzwerkeffekt neue Schleusenwärter. Jeder Nutzer muss an ihnen vorbei. Haben diese Akteure eine eigene Botschaft, wird sie jedem serviert.

          Der Versuch einer Agentur, Youtuber gegen Honorar zu bewegen, ihre Kanäle für eine Kampagne gegen die Urheberrechtsrichtlinie zu öffnen, zeigt, wie diese Akteure ihre Publizitätsmacht nutzen. Der Versuch ist erfolgversprechend, weil Produktplazierung im Netz gängige Praxis ist. Für viele „Influencer“ auf Youtube sind die Werbeverträge mit Konsummarken die wichtigste Einnahmequelle – und der Grund für Kritik an versteckter Werbung. Inzwischen bieten einige Influencer sogar eigene Produkte an. Würden sie für ihre Inhalte angemessen vergütet, wäre diese Produktplazierung nicht nötig.

          Der Entwurf eines harmonisierten europäischen Urheberrechts bedeutet für die Digitalkonzerne, dass sie Verantwortung übernehmen müssen. Der Gesellschaft gibt die Richtlinie indes die Möglichkeit, zumindest dort faire Bedingungen zu schaffen, wo mit den Werken von Künstlern, Musikern, Filmemachern, Autoren, Fotografen und eben auch Youtubern Geld verdient wird. Die EU kommt mit der Novelle des Urheberrechts ihrer Aufgabe nach, die angemessene Vergütung von Werkschaffenden durchzusetzen. Mehr noch: Sie sichert das vielfältige Angebot derer, die Videos, Musik, Texte oder Bilder professionell erstellen. Dabei werden Plattformen aber nur mit einigen wenigen Verwertungsgesellschaften Verträge schließen müssen, um nahezu alle verfügbaren Werke nutzen zu dürfen – ein Grund, warum es für Nutzer einfacher wird nach der Richtlinie, Videos zu posten.

          Die Verwertungsgesellschaften wiederum sind gesetzlich verpflichtet, Werke zu lizenzieren. Es besteht Abschlusszwang. Selbst wenn noch kein Vertrag mit einer Verwertungsgesellschaft vorliegt, kann jede Plattform Werke nutzen, wenn für die spätere Lizenzeinigung Rücklagen gebildet werden. Eine Verwertungsgesellschaft kann gar kein Instrument von „Zensur“ sein, was den vermeintlichen Grund des Protests der Wikipedia vollständig in Frage stellt.

          Lukas Schneider ist Informationswissenschaftler und Musiker. Er ist angeschlossenes Mitglied der unabhängigen Netzpolitikdenkfabrik Mindbase und engagiert sich bei Bündnis 90/Die Grünen.

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