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Raubkunst aus Osteuropa : Nehmt mit, was ihr tragen könnt

  • -Aktualisiert am

Gold und Pelz gegen Tabak und Brot

Beide Argumente stimmen jedoch nur bedingt. Zwar gibt es wahrscheinlich keine großen zusammenhängenden Sammlungsbestände aus Osteuropa mehr zu entdecken, gleichwohl tauchen regelmäßig Gegenstände russischer, ukrainischer oder auch polnischer Provenienz, meist aus Privatbesitz, im Kunsthandel auf. Die Herkunftsgeschichten lassen Zweifel aufkommen, ob der Begriff „kriegsbedingt verlagert“ zutreffend ist. In den meisten Fällen geht es um persönliche Aneignung, die nur im Rahmen der spezifischen Kriegsführung im Osten möglich war, zu der die Entrechtung, das Aushungern und die Ausbeutung der Zivilbevölkerung gehörten.

Im Spätsommer 1942 erlaubte eine Anordnung, dass „Wehrmachtsangehörige, die aus den besetzten Gebieten in das Reich fahren, so viele Lebensmittel, Genussmittel und Tabakwaren mit sich führen dürfen, soweit sie es selbst tragen können.“ Offiziell war Plünderung natürlich verboten, aber gleichzeitig sollte sich die Truppe aus dem Land versorgen und hatte das Recht, alles, was sie benötigte, zu konfiszieren. Das ließ einen Spielraum, den die Soldaten nutzten. Neben Lebensmitteln und Kleidung fand alles Interesse, was sich als Souvenir eignete. Dabei wechselten die Gegenstände oft auch gegen Geld, Brot oder Zigaretten ihre Besitzer. Den Besatzern schien dies ein legaler Weg des Erwerbs, wenngleich sie angesichts der Notlage der Bevölkerung die Preise diktierten.

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Mit Verwunderung und Abscheu berichtete Lidia Ossipowa in ihrem „Tagebuch einer Kollaborateurin“ von den kleinen Diebstählen der Soldaten, die in die Wohnungen eindrangen und nahmen, was sie gerade vorfanden. „Besonders kaufen sie Gold und Pelz gegen Tabak und Brot. Für einen Pelzmantel geben sie zwei Laibe Brot und ein Päckchen Zigaretten. Aber sie bezahlen. Bis zur Lächerlichkeit stürzen sie sich gierig auf irgendwelchen Trödel. Da hast Du Dein reiches Europa. Kaum zu glauben.“ Distanz und Ironie der Aufzeichnungen sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Winter 1941/42 in Puschkin bei Leningrad, wo Ossipowa ihre Beobachtungen aufschrieb, der Verkauf persönlicher Habseligkeiten gegen Brot die letzte Chance war, dem Hungertod zu entgehen. Die Zahl der Hungertoten lag trotzdem bei geschätzt 10.000 Menschen allein in Puschkin.

Neben dem Diebstahl von Alltagsgegenständen und dem Handel mit ihnen gab es auch Plünderungen in größerem Maßstab. Im Bereich der Heeresgruppe Nord wurde ein Offizierskorps im Dezember 1941 darauf hingewiesen, dass „in Zukunft Wagenräder, Pferdeschlitten, Schränke, Flügel oder Holzhäuser (zerlegt oder im Ganzen) zum Transport in die Heimat nicht mehr angenommen werden“. Aus einer Kirche in Peterhof soll ein Wehrmachtsangehöriger eine ganze Ikonostase abgebaut und weggebracht haben. Das „Florentiner Mosaik“ aus dem Bernsteinzimmer verfrachtete ein gewisser Achtermann, Leiter eines Transportkommandos, in einen Lkw und brachte es nach Deutschland. Das einzigartige Stück tauchte 1997 in Bremen auf, als der Sohn Achtermann versuchte, es zu verkaufen. Auch die wundertätige Maria-Schutz-Ikone von Pskow, die einen sehr hohen Wert darstellt und 2000 nach Russland restituiert wurde, befand sich in deutschem Privatbesitz in Berchtesgaden. Alles deutet darauf hin, dass sie unmittelbar nach der Einnahme der Stadt Pskow aus dem dortigen Museum entwendet worden war.

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