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Raubkunst aus Osteuropa : Nehmt mit, was ihr tragen könnt

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Es ist aber kein Zufall, dass die Eigentumsverluste der Menschen in den besetzen Ländern Osteuropas für die Arbeit des „Rose-Valland-Instituts“ nur eine untergeordnete Rolle spielen. Dies entspricht vielmehr der öffentlichen Wahrnehmung des NS-Kulturgüterraubs, wie sie sich seit den 1990er Jahren entwickelt hat. Begrifflich hat sich eine Unterscheidung zwischen „NS-Raubkunst“ und „Beutekunst“ beziehungsweise „kriegsbedingt verlagerten Kulturgütern“ durchgesetzt, aus der eine unterschiedliche Behandlung von Objekten, die im Krieg unrechtmäßig den Besitzer wechselten, folgt. Der erste Begriff wurde – vermutlich, weil die Praxis der Provenienzforschung es erforderte – noch präzisiert und auf „NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut, insbesondere aus jüdischem Besitz“ erweitert.

Documenta 14: Bücher jüdischer Eigentümer, welche 1943 unrechtmäßig in den Besitz der Berliner Stadtbibliothek gelangten.
Documenta 14: Bücher jüdischer Eigentümer, welche 1943 unrechtmäßig in den Besitz der Berliner Stadtbibliothek gelangten. : Bild: Reuters

Der Begriff „Beutekunst“ hat eine andere Geschichte. Er bezeichnet im allgemeinen Sprachgebrauch die deutschen Kunst- und Kulturgüter, die von sowjetischen Trophäenbrigaden nach Kriegsende in die Sowjetunion gebracht wurden. Als in den frühen neunziger Jahren mit Russland über die Frage verhandelt wurde, wie mit diesen Kulturgütern umzugehen sei, fand sich aus diplomatischen Gründen eine sprachliche Regelung: aus dem anschuldigenden Begriff „Beutekunst“ wurde das neutral klingende „kriegsbedingt verlagerte Kulturgut“. Damit ließ sich auf die Kriegsverluste beider Länder verweisen, mit denen in Zukunft auf gleiche Weise verfahren werden sollte.

Schieflage der Betrachtung

Die Verhandlungen kamen 1997 zum Stillstand. Während sich die russische Seite auf den Standpunkt versteifte, die deutschen Kunstwerte seien ein gerechter Ausgleich für die erlittenen Kriegsschäden, dominierte in Deutschland ein juristischer Blick auf die Angelegenheit. Der historische Kontext wurde in der deutschen Sicht immer mehr ausgeblendet und auf die das Völkerrecht verletzende Verlagerung deutschen Kulturguts verwiesen. Die Schieflage ist offenkundig: In Deutschland liegt die Aufmerksamkeit fast gänzlich auf den deutschen Verlusten, die jetzt immer häufiger wieder kurz als „Beutekunst“ bezeichnet werden.

Dass der Kulturgutraub und die Kulturzerstörung in der Sowjetunion aus dem Blick gerieten, lag auch daran, dass die Forschung sich auf den staatlich organisierten Kunstraub konzentrierte. Was der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg, das Sonderkommando Künsberg oder das „SS-Ahnenerbe“ abtransportiert hatten, ließ sich zumindest teilweise durch die archivalische Überlieferung nachvollziehen. Ebenfalls belegt ist, dass Teile dieser Bestände nach 1945 restituiert wurden. Deshalb sind selbst Fachleute der Meinung, dass sich in deutschen Sammlungen keine Kunstgegenstände, Archivalien oder Buchbestände ehemals sowjetischer Provenienz mehr befänden. Das Problem scheint sich also erledigt zu haben. Tatsächlich aber ist es lediglich marginalisiert worden, und zwar auf zwei Ebenen. Einerseits auf der begrifflichen, weil die Kategorie „kriegsbedingt verlagert“ den Raub nicht thematisiert, sondern neutral eine übliche Kriegsfolge beschreibt, die alle Kriegsparteien betrifft. Andererseits auf der faktischen Ebene, weil behauptet wird, es gäbe keine Objekte mehr, die es aufzuspüren gelte.

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