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Wiener Architekt Otto Wagner : Komponist des urbanen Raums

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Wien begeht den hundertsten Todestag des Architekten Otto Wagner. Aber an seinem Erbe geht die Stadt vorbei. Dabei hatte er für vieles, was heute im Argen liegt, Lösungen, die dringend wiederentdeckt werden müssen.

          Wäre es nicht sein hundertster Todestag gewesen, der Otto Wagner dieses Jahr ins öffentliche Bewusstsein zurückgeholt hat, würde auch der Zustand der Stadt Wien, ihre Architektur, ihre Plätze, ihre Baupolitik Anlass genug geben, sich dem bedeutendsten Architekten Österreichs wieder einmal zu widmen – denn für vieles, was heute im Argen liegt, hatte er Lösungen, die dringend wiederentdeckt werden müssen. Die Möglichkeit dazu bietet eine noch bis Oktober laufende Werkschau im Wien Museum am Karlsplatz, in jenem Bau, um den sich Wagner so intensiv wie um kein anderes Projekt bemüht hatte.

          Folgerichtig steht ein Modell seines Entwurfs für ein „Kaiser Franz Josef-Stadtmuseum“ gleich am Beginn der reichhaltigen Ausstellung und dokumentiert den zähen Kampf des Bahnbrechers der Moderne mit den verharrenden Kräften seiner Zeit und vor allem dem Historismus: Während der Wiener Gemeinderat den Architekten im Jahr 1900 mit dem Kulturbau beauftragen wollte, erachteten das konservative Kaiserhaus, Kunsthistoriker und Denkmalpfleger seinen Vorschlag als unverträglich für die benachbarte barocke Karlskirche. Ganze zehn Jahre lang bemühte sich das reaktionäre Lager, Wagners mehrfach überarbeitetes Projekt mit allen möglichen Winkelzügen zu verhindern, bis das Rathaus entmutigt für die nächsten vier Jahrzehnte sein Vorhaben fallenließ.

          Otto Wagner sah das Stadtmuseum auch als Möglichkeit, den städtebaulich unvollendeten Karlsplatz räumlich zu fassen. Folglich dehnten sich seine nie realisierten Planungen alsbald auf die Neugestaltung des gesamten, für Wien so bedeutsamen Freiraums aus. Hundert Jahre später ist der Karlsplatz nach wie vor kein wirklicher Platz. Wagners ganzheitliche Herangehensweise, seinen Anspruch, den Stadtraum zu komponieren und einzelne Neubauten in den Dienst einer Gesamtwirkung zu stellen, hat Wien schon vor Jahrzehnten aufgegeben.

          Bilderstrecke

          Dabei war Otto Wagner alles andere als ein Formalist oder Stadtromantiker – im Gegenteil. In seinem 1896 publizierten Manifest „Moderne Architektur“ forderte er als einer der weltweit Ersten eine neue Baukunst, die „ganz auf Zweck, Material und Konstruktion“ beruhen und „dem modernen Leben entsprechen“ sollte, was ihn zu einem Wegbereiter des Funktionalismus machte. Dennoch hatte sein „Nutzstil“ nichts Nüchternes. Als Gallionsfigur der Wiener Secession – jener progressiven Künstler um Gustav Klimt, Josef Hoffmann und Joseph Maria Olbrich, die sich 1897 von ihrer konservativen Kollegenschaft losgesagt hatten – schuf Wagner gleich mehrere Ikonen des Jugendstils: mit der Wiener Postsparkasse von 1906 den ersten ganz aus der Funktion entwickelten Zweckbau, mit der Kirche am Steinhof von 1907 den erste modernen Sakralbau und damit ein Schlüsselwerk des zwanzigsten Jahrhunderts, zudem die beiden berühmten Häuser am Naschmarkt und noch weitere Wohn- und Geschäftsbauten sowie zahlreiche Infrastrukturprojekte.

          Eine kilometerlange No-go-Zone inmitten der Stadt

          Mit Letzteren hat sich Otto Wagner am deutlichsten in das Stadtbild Wiens eingeschrieben. Sein größter Auftrag war dabei jener zur Planung der in nur sieben Jahren errichteten Stadtbahn mit ihren damals vier Linien, die bis heute als U- und S-Bahn-Trassen in voller Funktion stehen. Bei dem 38 Kilometer langen Gesamtkunstwerk zeichnete Wagner für die architektonische Ausgestaltung von 42 Viadukten, 78 Brücken, fünfzehn Tunnels und Galerien sowie 36 Stationsgebäuden verantwortlich. Darüber hinaus erklärte sich der Universalist, dessen Œuvre vom Städtebau über den Hoch- und Verkehrsbau bis hin zum Design von Möbeln und Geschirr, ja bis zur Entwicklung einer eigenen Typographie reichte, auch noch für allerlei Details zuständig, nämlich „für alle Gegenstände der Ausrüstung, Möblirung, Beleuchtung, Heizung und Wasserleitung, dann für die Aufzüge, Gepäcks-Auf- und Ausgabe, Fahrkarten-Controle, insoweit diese Gegenstände eine einheitliche Behandlung mit der architectonischen Ausführung der Bauobjecte erfordern.“ Es braucht keine weitere Erklärung, warum Zweckbauten aus den Jahren 1894 bis 1901 heute als Kulturdenkmäler gelten, zeitgenössische Architektur dagegen mit ganz wenigen Ausnahmen banal wirkt.

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