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Wiener Architekt Otto Wagner : Komponist des urbanen Raums

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Dabei war und ist der Umgang mit Wagners Werk nach seinem Tod, der mit dem Ende des Kaiserreichs zusammenfiel, nicht immer von Respekt getragen. Zunächst wurden ihm noch höchste Ehren zuteil, etwa ein Denkmal für den „großen Baukünstler“, das bis 1938 am Ballhausplatz, also zwischen Bundeskanzleramt und Hofburg, stand. Und auch das Rote Wien erwies ihm indirekt seine Reverenz, indem es für sein soziales Wohnbauprogramm der Zwischenkriegszeit vornehmlich Architekten beschäftigte, die bei Otto Wagner an der Akademie der bildenden Künste ihr Handwerk erlernt hatten. Doch spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg vergaßen die Politik wie auch die Revolutionäre des „Neuen Bauens“ die Bedeutung des evolutionären Modernisierers. So wurden bis in die siebziger Jahre etliche Stationsbauten Wagners an der heutigen U-Bahn-Linie 4 durch „zeitgemäße“ Gebäude ersetzt. Und die einst von Handwerkern, Händlern und Gastronomen genutzten Backstein-Viadukte der heutigen U6 verkamen bis in die neunziger Jahre zu einer kilometerlangen No-go-Zone inmitten der Stadt.

Wider den „erbärmlichsten Grundwucher“

Deutlicher noch offenbart sich das politische Desinteresse am Erhalt des baulichen Erbes am Gelände des „Otto Wagner-Spitals“ am Westrand Wiens. Die weitläufige „Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Geisteskranke“ am Steinhof aus dem Jahr 1907 mit mehr als zwei Dutzend Krankenpavillons, mit Wirtschafts- und Verwaltungsgebäuden, Gesellschaftshaus, Theater und Kirche stellt nicht nur ein einzigartiges architektonisches Ensemble inmitten einer 75 Hektar großen Parklandschaft dar, sondern aus Sicht des Rathauses auch eine lukrative Möglichkeit zur Sanierung des Grundeigentümers, des hochverschuldeten Wiener Krankenanstaltenverbunds. Dazu wird der städtische Krankenhausbetrieb nun sukzessive abgesiedelt, um in den sechzig historischen Bauten Platz für kapitalintensivere Nutzungen zu schaffen. Der östliche Bereich wurde schon vor einigen Jahren zur Verbauung durch einen privaten Gesundheits- und Wellness-Dienstleister freigegeben, daneben folgen nun auch Wohnhäuser. Die bisher entstandene Architektur würde selbst auf der grünen Wiese bescheiden wirken – angesichts der umgebenden Jugendstilbauten bedeutet sie geradezu eine kulturelle Schändung.

„Es geht nicht an, den Ausbau einer Großstadt dem blinden Zufall und der völligen künstlerischen Impotenz zu überlassen oder dem erbärmlichsten Grundwucher auszuliefern“, hielt Otto Wagner in seinem international rezipierten Buch „Die Großstadt“ fest – und nahm damit vorweg, woran das heutige Wien seit geraumer Zeit krankt. Mangels bodenpolitischer Instrumente folgt die bauliche Entwicklung mehr denn je den Verwertungsinteressen von Grundeigentümern. Das Fehlen einer übergeordneten Stadtteilplanung wiederum bedingt ein inselhaftes Stadtwachstum, wobei städtebauliche Überlegungen spätestens an den Grenzen jedes Projektgebiets enden. Das künstlerische Niveau im Neubau schließlich leidet unter einer ausgeprägten „Anything goes“-Haltung. Das konzeptlose Nebeneinander von immobilienwirtschaftlich optimierten Objekten ist unter dem Deckmantel eines missverstandenen Liberalismus gleichsam zum Stadtmodell geworden.

Mehr als vermarktbare Architekturgeschichte

Otto Wagner hielt dem unkontrollierten, fragmenthaften Stadtwachstum seiner Zeit, der „Kakophonie unterschiedlichster Bauten, die sich gegenseitig zu übertrumpfen versuchen“, die Vision einer nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten geplanten, ganzheitlich entwickelten Stadt entgegen – die er 1911 in seinem Entwurf für eine unbegrenzte Großstadt am Beispiel eines fiktiven 22. Wiener Gemeindebezirks konkretisierte: Darin sah er eine funktional durchmischte, geschlossene Blockrandbebauung mit sieben- bis achtgeschossigen Wohnhäusern, Warenhäusern und großen Werkstatthöfen vor, mit öffentlichen Gebäuden und Hotels in jedem Stadtteilzentrum, mit großzügigen Plätzen und Parks sowie einem dichten Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln. Für Wagner selbstverständlich, sollte diese Stadt eine kapitalistische sein, mit hoher, aber eben nicht zu hoher baulicher Ausnutzung. Gleichwohl forderte er für eine funktionierende Metropole auch kommunalen Wohnungsbau, ein Enteignungsgesetz sowie einen „Stadtwertzuwachsfonds“ zur Vergesellschaftung privater Spekulationsgewinne.

Es verwundert nicht, dass „Die Großstadt“ in ihrer englischen Übersetzung von 1912 in den Vereinigten Staaten als sozialistische Utopie abgetan wurde. Das heutige, rot-grün regierte Wien hingegen sollte weniger Vorbehalte zeigen, Wagners Vermächtnis nicht bloß als vermarktbare Architekturgeschichte, sondern als planungspolitischen Denkanstoß zu sehen.

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