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Frankreich und die Flüchtlinge : Madame Merkel – eine von uns

Angela Merkel vor dem Elysee-Palast Bild: dpa

In Frankreich solidarisiert man sich mit den Flüchtlingen und wünscht, Merkel wäre Französin. Es gibt natürlich auch kritische Stimmen. Trotzdem könnte das der Anfang einer neuen Freundschaft sein.

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          „Die Deutschen haben uns unsere Juden genommen, jetzt geben sie uns Araber zurück“: Mit diesem Bonmot hat der konservative französische Politiker Patrick Devedjian, dessen Vorfahren vor dem Genozid an den Armeniern nach Frankreich flüchteten, auf Twitter die deutsche Politik kommentiert. Er hat sich später für den „deplazierten Witz“ entschuldigt. Das sei ihm angesichts der herrschenden politischen Korrektheit unbenommen. Wir zitieren sein Bonmot, weil man die Stimmung im Lande mit 140 Zeichen schlicht nicht besser wiedergeben kann. Eine kleine historische Ergänzung sei gleichwohl angebracht: Bei der Verfolgung und Auslieferung der Juden ging Vichy sehr viel weiter, als die Besatzer je verlangt hatten.

          Jürg Altwegg
          (J.A.), Freier Autor

          Der Kampf gegen die Araber als Einwanderer und Fremdarbeiter ist seit drei Jahrzehnten das politische Programm des Front National. Der Aspekt eines „Kriegs der Zivilisationen“ kam nach den Attentaten vom 11. September hinzu. Der islamistische Terror in Frankreich zielte zunächst auf die Juden, mit denen sich die Republik erfreulich standfest identifizierte. Seit den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“ und den jüdischen Supermarkt im Januar fühlt sich die ganze Bevölkerung von ihm bedroht.

          Idealisten atmen auf

          In weiten, vor allem linken Kreisen hat die Öffnung der deutschen Grenzen wie ein Signal zum Aufbruch gewirkt: Künstler, Intellektuelle, die Kirche solidarisieren sich mit den Flüchtlingen, es gibt Demonstrationen, kulturelle Veranstaltungen, Petitionen. „Titeuf“-Autor Zep hat die Flüchtlinge gezeichnet. „Wenn Angela doch Französin wäre“, stöhnte der Herausgeber von „Le Point“. „Die Flüchtlinge erneuern die europäische Utopie“, schwärmt der Marxist Slavoj Žižek in „Le Monde“. Der frühere Justizminister Robert Badinter, der die Todesstrafe abgeschafft hatte, plädierte etwas pragmatischer. Jürgen Habermas fordert, ebenfalls in „Le Monde“: „Deutschland und Frankreich müssen die Vorhut bleiben.“

          Ein Aufatmen war zu verspüren – diese spontane Solidarität hat man seit Jahren nicht mehr zu offenbaren gewagt und sich deswegen als Verräter an der großen humanistischen Tradition des Einwanderungslandes empfunden. Für diese Selbstverleugnung gibt es kaum andere Gründe als die Rücksicht auf Le Pen und das politische Klima, in dem der Front National eine Hegemonie ausübt wie einst die Kommunisten. Den wiedererwachten Idealisten wird von den Pragmatikern und Realisten, die man auch nicht von vornherein der Fremdenfeindlichkeit bezichtigen sollte, nicht ihr Engagement vorgeworfen – eine Überschrift im „Figaro“ ist so deutlich wie Devedjians Tweet: „Diese Franzosen, die so sehr Deutschland lieben“. Es ist eine Anspielung auf die Kollaboration.

          Dass Merkel Frankreich überrumpelte wie einst Hitlers Armeen, ist das latente Leitmotiv der Wahrnehmung. Auch ungeschminkt wird es formuliert: „Wer stoppt diesen Wahnsinn?“, entsetzt sich Yvan Roufiol im „Figaro“ unter dem Titel „Das reuige Deutschland wird zur Gefahr für Europa“. Es hat seine Juden vergast und holt sich Araber zurück, könnte man Devedjian paraphrasieren. Das Aussetzen von Schengen hat man in Paris mit Beruhigung und auch einer unterschwelligen Schadenfreude kommentiert.

          Frankreich wurde viel zu oft im Stich gelassen

          Die Flüchtlingsdebatte illustriert die deutsch-französische Phasenverschiebung im Bezug zur Vergangenheit. Noch ist sie weniger heftig als die Auseinandersetzungen um den Pazifismus, als die französischen Kommunisten, die es mit der DDR hielten, plötzlich von den Grünen und der Friedensbewegung zu schwärmen begannen. Die vom Marxismus zum Antitotalitarismus bekehrten „Neuen Philosophen“, die in ihrem Eifer der Vergangenheitsbewältigung „für Danzig (und Solidarność) sterben“ wollten, bekämpften die Pazifisten als Kollaborateure mit dem neuen Faschismus: „Lieber rot als tot.“ Dreißig Jahre lang prägte die neuphilosophische Ethik das französische Klima. In ihrem Namen wurden prophylaktische Kriege gegen „Hitlers Wiedergänger“ Milośević, Saddam Hussein, Gaddafi geführt.

          Diese Ethik des Eingreifens macht Michel Onfray nicht ohne Grund für die Lage im Nahen Osten mitverantwortlich – insbesondere Bernard-Henri Lévy, der Sarkozy und die Amerikaner zum Eingreifen in Libyen anzustiften vermochte. Auch der Westen, sagt Onfray, ist für die Flüchtlingsströme verantwortlich. Jetzt, da die Situation für Europa eine wirkliche Bedrohung darstellt, ist der Imperativ verbraucht und Frankreich mit seiner Kriegsbereitschaft von den europäischen Partnern viel zu oft im Stich gelassen worden. Für den Kampf in Syrien fehlen ihm die Mittel und der Mut, Bodentruppen zu schicken. Deutschland, das partout keine Kriege mehr führen will, bekommt die Flüchtlinge. Dass es mit ihnen seine wirtschaftliche Macht abstützen kann, könnte sich als Illusion erweisen – vergleichbar mit den französischen Lebenslügen und Großmachtattitüden nach 1945.

          Selfie mit der Kanzlerin : Merkel begeistert Flüchtlinge

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