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Wiederaufbau von Notre-Dame : „Es war kein Unfall und kein Anschlag“

Nach dem Brand der französischen Kathedrale Notre-Dame war das Interesse am Katholizismus auf einmal wieder groß. Bild: AP

Es gibt viele Gründe, den Umgang mit dem desaströsen Brand von Notre-Dame als Gleichnis zu lesen: Eine Geschichte vom Geld, das plötzlich in Strömen floss.

          Drei Tage nach dem Brand von Notre-Dame empfing der vor einer Woche verstorbene Michel Serres „Le Monde“ zu einem Gespräch. Den 11. September hatte der französische Philosoph in Amerika erlebt: „Die Twin Towers standen für die weltliche Macht der Amerikaner, die sich auf den Dollar und die Armee stützt.“ Eine „geistliche Macht, die Tausende von Jahren gedauert hat“, haben uns die Flammen der brennenden Kathedrale in Erinnerung gerufen. Sie ist das „Herz von Paris“, und nicht der Eiffelturm, der Triumphbogen oder die Place de la Concorde: „Weil Kriege, Eroberungen und Regierungen vergehen, das Geistliche aber bleibt. Dieses Ereignis hat Gläubige und Ungläubige zusammengebracht.“

          Der Kunsthistoriker und Akademiemitglied Jean Clair zitierte Rilke: „Denn, Herr, die großen Städte sind Verlorene und Aufgelöste, wie Flucht vor Flammen ist die größte.“ Die Verse entstanden zum Zeitpunkt von Rilkes Ankunft in Paris. Rodin, der ihn als Sekretär beschäftigte, arbeitete an seinem „Höllentör“ für den Eingang des Palais d’Orsay, den die revolutionäre „Kommune“ 1871 in Brand gesteckt hatte. Jean Clair sieht „Zeiten des Desasters“ heraufziehen, die „Schändung“ des Triumphbogens durch die „Gelbwesten“ hätten sie angekündigt.

          Die Parabel vom Geld

          „Es war kein Unfall und kein Anschlag“: Alain Finkielkraut holte zu einem pessimistischen Plädoyer gegen die Moderne aus. Das Urteil des Philosophen: „Angesichts der Horden von Touristen, die sie heimsuchen, und der Hässlichkeit um sie herum war der Brand von Notre-Dame ein Suizidversuch.“ Ausgerechnet für die Olympischen Spiele soll sie nun wiedereröffnet werden. Es gibt viele Gründe, den Umgang mit der Katastrophe als Gleichnis zu lesen. Die frevelhafte Überheblichkeit der Politiker: „Schneller und schöner“ werde er die Kathedrale wieder aufbauen, versprach Macron und instrumentalisierte die Flammen für seinen Machterhalt und die Europa-Wahl – mit Erfolg.

          Dafür erließ er ein Ausnahmegesetz. Es ist eine Parabel vom Geld, das plötzlich in Strömen floss. Sie erzählt von der Fähigkeit der Franzosen, die Einmütigkeit aller zu zelebrieren und umgehend wieder den alten Grabenkriegen zu verfallen. Nach Jahrzehnten der Beliebigkeit und des Relativismus haben die Projekte für die Renovation die jahrhundertealte „Querelle des Anciens et des Modernes“ neu entflammt – mit Leidenschaft wird gestritten.

          „Eine große Kranke, die noch nicht wieder auf sicheren Füßen steht“, titelte soeben eine französische Zeitung. Ein Expertenbericht listet Sicherheitslücken auf. Brände historischer Bauten geschehen zu neunzig Prozent während ihrer Restauration. Die Kinder auf der Ile Saint-Louis müssen zur Blutuntersuchung – Verdacht auf Blei. „Le Monde“ berichtet von der Begeisterung und Spendenfreudigkeit der Amerikaner. Sie brachten zum Entsetzen des Kulturministers die ersten Bilder der Verwüstung aus dem Innern der Kathedrale.

          Der Brand bringt die Menschen Gott wieder näher

          General Georgelin, der mit dem Wiederaufbau betraut wurde, begleitete den ABC-Star David Muir durch die Trümmer und erklärt in dessen Dokumentation: „Nothing is impossible for a French general.“ Auf engstem Raum – ein paar Quadratmetern – möchte der Erzbischof von Paris am 16.Juni eine erste Messe zelebrieren. Es ist der Tag der Kirchweihe, der jedes Jahr begangen wird. Noch hat Georgelin sein Plazet nicht gegeben.

          Es ist ein „annus horribilis“ für die „älteste Tochter der Kirche“. Der Lyoner Kardinal wurde jüngst zu sechs Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Der von Arte gezeigte Film über die Vergewaltigungen von Nonnen hat die Katholiken aufgewühlt. Es gab den endlich veröffentlichten Bericht, dass täglich drei Kirchen geschändet werden.

          Doch seit dem Brand zu Ostern kehren die Gläubigen vermehrt in die Kirchen zurück. An Christi Himmelfahrt waren sie voll. „Die Katholiken erheben das Haupt, sie verstecken sich nicht mehr“, lautete die Schlagzeile des Boulevards am Tag danach. An der Spitze der Kirche gibt es eine Wachablösung. Der katholische Philosoph Bellamy führte einen ausgezeichneten Wahlkampf, das schlechte Resultat hat andere Gründe. Die Schulen und die Pfadfinder haben regen Zulauf. Es gibt ein neues Wohlwollen in der Öffentlichkeit, sagt ein Sprecher des Erzbischofs von Paris: „Der Katholizismus ist nicht tot.“

          Postum erschien das Interview mit Michel Serres. Die Auswirkungen des Brandes auf die Seelen der gebeutelten Franzosen beschrieb er mit dem Bild von einer Bombe, die vor zwei Jahrtausenden explodierte und noch immer Nachwirkungen erzeugt. Wegen Hiroshima war er Philosoph geworden. Mit der Atombombe wurden die maximale Zerstörung und Bedrohung erreicht. Den Terror und seine Opfer wolle er keineswegs verniedlichen. Er lobt die Gründerväter Europas, Monnet und Schuman, das seit siebzig Jahren keinen Krieg mehr erlebt habe: „Das hat es seit dem Kampf um Troja nicht mehr gegeben. Wir leben in friedlichen Zeiten.“

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