https://www.faz.net/-gqz-a57ov

Wiederaufbau in Beirut : Die Nachbarschaft

  • -Aktualisiert am

Gemeinsames Gedenken an die Opfer in Beirut Bild: dpa

Nach der massiven Explosion im August, die Beirut schwer zeichnete, hat der Wiederaufbau begonnen. Seitdem entdecken Architekten, Stadtplaner und Bewohner ihre Stadt völlig neu.

          6 Min.

          Drei Monate nach der Explosion im Hafen rennen Architekten und Stadtplaner durch Beirut, um zu entscheiden, welche Gebäude man rettet und welche nicht zu retten sind. Es ist ein Wettlauf gegen Immobilienhaie und den Regen.

          Lena Bopp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Von der besonderen Widerstandskraft der Libanesen wollen die Leute zwar nichts mehr hören. Doch es ist bemerkenswert, wie rasch in die Gegend um den Hafen von Beirut, die am 4. August von einer massiven Explosion zerstört worden ist, das Leben zurückkehrt. Der Bäcker Paul hat neue Fenster. Zwei Restaurants die Straße runter haben sogar Gäste. Den ganzen Tag hört man es hämmern, bohren und sägen aus den Häusern an der Gouraud Street, auf der fast wieder so viel Verkehr herrscht wie früher, jäh gestoppt nur von den Überresten eines Hauses, die sich auf die Straße ergossen haben, wo sie sortiert worden sind in große Sandsteine und verzierte Kapitelle hier und unbrauchbaren Schutt dort.

          Wenn es dämmert, kommt die Armee. Soldaten springen von Pritschenwagen und beziehen ihre Stellungen, etwa alle hundert Meter einer, um die Gegend vor Plünderern zu schützen. In einer Seitenstraße hinunter zum Meer trotzt ein Mann auf seinem Balkon der aufziehenden Dunkelheit mit einer Glühbirne und einem Pinsel, mit dem er die Fensterrahmen grün streicht. Es hat nicht lange gedauert, bis nach der Explosion an manchen Fassaden der schwer getroffenen Häuser von Mar Mikaël rot-weiße Banderolen auftauchten, auf denen in drei Sprachen, damit es auch jeder begreift, zu lesen steht: „We will never leave, we will rebuild“.

          Sorge vor Gentrifizierung

          Denn Angebote von Investoren, die zerstörten Häuser zu kaufen, gab es sofort nach der Katastrophe. Mit ihnen flammte die Sorge vor Gentrifizierung und dem Verlust einer Gegend auf, die mit ihren Handwerkern und Werkstätten, mit ihren Bars und Restaurants, Modeateliers, Designstudios und Co-WorkSpaces einen schönen Gang durch die Geschichte bot und vielleicht das freundlichste Gesicht der Stadt zeigte. Doch der Gouverneur von Beirut ließ nur wenige Tage nach der Explosion verlauten, er werde nicht eine einzige Genehmigung zum Abriss unterschreiben. Und tatsächlich ist es in der für libanesische Verhältnisse rekordverdächtigen Zeit von nur wenigen Wochen gelungen, ein Gesetz auf den Weg zu bringen, das die vier am schwersten betroffenen Viertel vor der endgültigen Zerstörung bewahren soll, indem es Bewohnern und Besitzern ein wenig Zeit zum Reparieren und Wiederaufbauen verschafft. Das Gesetz verbietet sämtliche Immobilientransaktionen innerhalb der nächsten zwei Jahre. Außerdem verlängert es alle Mietverträge automatisch um ein Jahr.

          Blick aus einer von der Explosion zerstörten Wohnung in Beirut
          Blick aus einer von der Explosion zerstörten Wohnung in Beirut : Bild: George Azar

          Auch finanzielle Unterstützung verspricht das Gesetz, insgesamt 1500 Milliarden libanesische Pfund. Je nach Wechselkurs, den man zugrunde legt, sind das umgerechnet etwa 995 Millionen Dollar (offizieller Wechselkurs) oder nur 185 Millionen Dollar (zum Kurs des Schwarzmarktes). Doch abgesehen davon, dass man gar nicht weiß, woher der bankrotte Staat so viel Geld nehmen soll, sind beide Summen ohnehin ein gutes Stück niedriger als jene, die von der Weltbank nach einer ersten, sehr schnell erfolgten Schätzung ins Spiel gebracht worden ist: Auf zwei Milliarden Dollar bezifferte sie den Schaden, der durch die Explosion allein an Gebäuden entstanden sei. Insgesamt sollen 6000 bis 8000 Häuser betroffen sein. Die Druckwelle hat Türen aus den Angeln gerissen, Scheiben zerspringen und Balkone herunterbrechen lassen. Kilometerweit fegte sie Fensterrahmen, Fassadenteile und Dachziegel hinweg und ließ Häuser mit riesigen Löchern zurück, die nun von Plastikplanen bedeckt sind wie von großen Pflastern.

          Weitere Themen

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Topmeldungen

          Markus Söder und sein Vize Hubert Aiwanger nach einer Kabinettssitzung im Münchner Hofgarten.

          Streit um Impfungen : Aiwanger wirft Söder Falschbehauptung vor

          Nach der letzten Kabinettssitzung vor der Sommerpause hatten sie noch versucht, Einigkeit zu demonstrieren. Doch der Streit zwischen dem bayrischen Ministerpräsidenten und seinem Vize ist nicht vorbei – im Gegenteil.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.