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Wie wollen wir leben? : Handeln statt Binge Watching

Ein Künstler, der schon gestern wusste, was morgen kommen wird: Syd Meads Bild „Pebble Beach“ aus der Ausstellung „Progressions“ Bild: Syd Mead, Inc.

Selten war eine Gegenwart so reich an Bildern der Zukunft. Aber während man immer mehr zu sehen kriegt, meinen viele Menschen, immer weniger fürs Künftige ausrichten zu können. Höchste Zeit, diese Optik zu überprüfen.

          6 Min.

          Wie das Menschengesicht nach dem Biss in die Zitrone zieht sich die irdische Natur zusammen, weil ihr vieles sauer schmeckt: Beton, Glas, Stahl, Plastik, Wohngebäude, Fabriken, Serverparks, Fahrzeuge, Parkhäuser, Malls, Raffinerien, Pipelines, Atommeiler, aber auch Windräder und Wärmepumpen. Ungezählte Arten gehen ein. Wenn die Menschen sich damit abfinden, bleibt ihnen als Zukunftsarbeit nur noch die Inneneinrichtung der heruntergewirtschafteten Behausung. Dann sollte sie sich aber wenigstens an Syd Mead orientieren, damit’s nach was aussieht. Mead war ein 1933 geborener und 2017 verstorbener amerikanischer Industriedesigner und Filmdekor-Spezialist. Vom klassizistischen ersten „Star Trek“-Kinofilm 1979 über Ridley Scotts Androiden-Passionsspiel „Blade Runner“ 1982 (und der 2017 ins Kino gestemmten Fortsetzung „Blade Runner 2049“ von Denis Villeneuve) bis zur Roboterschnurre „Short Circuit“ (deutsch als „Nummer 5 lebt“ bekannt) aus dem Jahr 1987 erstreckt sich Meads Reich der Hintergründe, Dioramen, Fahrzeugparks und Antennenwälder, in dem das Neonlicht nie ausgeht. Wenn’s dereinst keine Autos mehr auf Straßen geben sollte, werden die Nachkommen an Meads Entwürfen erkennen, was mit der Idee „Auto“ einmal gemeint gewesen sein muss.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Visionen des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts sind wohl interessanter als die Wirklichkeiten dieser Jahrhunderte; so eine Epoche ist das. Schon aktuell beherrschen sie das Zeitbild: Wir lesen spekulativ, streamen ausgedachte Welten, werfen sie auf Leinwände, und wenn wir drin herumlaufen wollen, besuchen wir Freizeitparks. Die Künstliche Intelligenz, die wir nach unserm Bilde modeln, wird es nicht anders halten – wie in den „Murderbot“-Geschichten der amerikanischen Schriftstellerin Martha Wells, wo sich ein Konstrukt, das denken und fühlen kann, immer dann, wenn es nicht töten oder irgendwen bewachen muss, in „my media“ fallen lässt, also in endlosen Serienkonsum, um die fettigen, blutigen oder stinkenden Tatsachen abzuwaschen: „Ich mag nichts, was ich nicht downloaden kann“, denkt die Maschine.

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