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Menschlichkeit in der Krise : Wer werden wir gewesen sein, wenn alles vorbei ist?

  • -Aktualisiert am

Samstagnacht in Rom: Freiwillige des Roten Kreuzes versorgen Obdachlose mit Essen und Desinfektionsmitteln. Bild: Cecilia Fabiano/LaPresse via AP

Unsere Sterblichkeit verbindet uns miteinander, der Kampf um den eigenen Vorteil kann uns voneinander trennen. Wer werden wir gewesen sein, wenn alles vorbei ist? Nur unsere Taten werden eine Antwort sein, die zählt. Ein Gastbeitrag.

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          Wie wird das Coronavirus die Gesellschaft verändern? Ich denke, dass die einzig mögliche Antwort nicht die Worte sind, die wir jetzt sagen können, sondern konkrete Taten mit denen wir, als Individuen und als Gesellschaft, aus dieser Krise hervorgehen werden.

          Tatsächlich sind wir es viel zu sehr gewohnt, Worte zu benutzen. Dabei rede ich nicht nur von uns Schriftstellern. Wir haben unsere Wahrnehmung der Welt mit Worten verhüllt. Wir waren Symbolbulimiker. Wir haben das Foto eines kleinen Jungen, der tot an einem Strand liegt, genommen – vor wenigen Jahren, die nun wie Jahrzehnte erscheinen – und wir haben uns so gut gefühlt, weil dieses Foto uns zum Weinen gebracht hat. Danach haben wir mit vielen Worten beschrieben, wie gerührt wir waren. Doch diese Worte haben uns, die Bürger des europäischen Kontinents, nicht davon abgehalten, immer höhere und schrecklichere Mauern zu bauen – Mauern aus Wellen, Patrouillenbooten, Lagern, Waffen an den Grenzen – und die großen Brüder dieses Kindes von uns fern zu halten. Und so versuchen nun heute Kinder, die nur ein klein wenig älter sind als jenes, von dem wir damals mit so viel Empfindungsvermögen berührt waren, sich in den Geflüchtetenlagern von Moira das Leben zu nehmen. Was hat dieser Fluss an Worten zu diesem Foto gebracht? Nichts. Er hat nur uns etwas gebracht, die wir, dem Kant’schen Imperativ zum Trotz, unseren Hunger nach Symbolen mit echten Personen, echten Leben, echten Toten gestillt haben. Echten Kindern.

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