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Twitter und die Folgen : Lust aufs Tribunal?

Eins, zwei, drei und los: Twitter ist das Medien für Kurzangebundene. Bild: Reuters

Sage mir, wer dir folgt, ich sage dir, wer du bist: Wie man sich in einer von digitalen Medien wie Twitter befeuerten Öffentlichkeit auf kurzen Wegen versteht.

          6 Min.

          Es ist bei weitem nicht nur der Hass, der vielzitierte, welcher in den digitalen Medien für eine „spalterische Sprache“ (Frank-Walter Steinmeier) sorgt. Nicht nur der Hass, sondern auch die Liebe bedroht die Selbstverständigung der Gesellschaft: die Liebe zu sich selbst. Es ist das auf ein Gefolge aus sein, du liebst es, geliebt zu werden, der Mangel an Rollendistanz – so sieht im Netz der Anfang allen Übels aus. Die proselytistische Jagd nach Followern, das fehladressierte Bedürfnis nach Vergemeinschaftung bringen unsere Gesellschaft an den Rand des Wahnsinns, dorthin, wo, wie sich der Bundespräsident ausdrückt, „die Grenzen des Sagbaren mit der Unsäglichkeit verschwimmen“, statt eine an Benimm und Erkenntnis orientierte Auseinandersetzung walten zu lassen.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          Wobei das digitale Anerkennungsbedürfnis, auf die Tweets von Twitter bezogen, zwei Merkmale aufweist: zum einen die Heteronomie des Nutzers, welcher im Sinne der Machtanalysen von Heinrich Popitz einer „spezifischen Gebundenheit“ unterliegt, einer „starken Anpassungsbereitschaft“, die sich aus der Fixierung auf die Steigerung der Follower ergibt, und die damit verbundenen kalkulierten Praktiken beim Aufbau großer Allianzen. Man redet hier immer auch der anvisierten Zielgruppe nach dem Mund, womöglich in einer Schärfe, die wiederum klar geschnittene Gefolgschaften ermöglicht. Anders gesagt: Man zockt die öffentliche Meinung, wobei das Inhaltliche nur sekundär zählt, primär geht es um eine starke Retweet-Infrastruktur, für welche wiederum die Überspitzung ein funktionales Grunderfordernis der Wiedererkennung darstellt. In seiner „Twitter-Ethnografie“ unter dem Titel „Die soziale Logik des Likes“ hebt der Medienwissenschaftler Johannes Paßmann hervor, dass man es hierbei mit einem höchst rationalen Verfahren der Pfadabhängigkeit zu tun hat, auch wenn es gemessen an den Standards der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne Steinmeiers irrational wirken mag.

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