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Leonardo da Vinci : Die Verzweiflung der Universalisten

Der Blick aus dem Fenster der Villa „Il Gioiello“, in der Galileo Galilei seine letzten Lebensjahre verbrachte, hat sich seit Jahrhunderten wenig verändert. Bild: Sibylle Anderl

Die Welt mit den Augen eines Renaissance-Menschen betrachten: Bis heute gilt Florenz als vom Geist Leonardos erfüllte Stadt. Aber wie sehen das die Wissenschaftler, die dort forschen? Eine Spurensuche.

          Wie jedes Jahr sind die Straßen und Plätze in Florenz überlaufen von Touristen, die sonnendurchflutete Selfies vor den vielfältigen kulturellen Zeugnissen der prachtvollen Vergangenheit der Stadt aufnehmen. Doch in diesem Jahr bietet sich ein besonderer Anlass, die toskanische Metropole zu besuchen: Die Stadt feiert den fünfhundertsten Todestag Leonardo da Vincis, in den Uffizien ist die erste große Ausstellung des Jubiläums zu Leonardos „Codex Leicester“, in dem Studien des Verhaltens von Wasser, der Geologie und Astronomie enthalten sind, bereits zu Ende gegangen. Im Palazzo Strozzi sind nun Werke seines Lehrmeisters Andrea del Verrocchio zu sehen. Der Palazzo Vecchio verfolgt die Spuren der Schlacht von Anghiari, viele weitere Ausstellungen und Veranstaltungen zu Leonardos Ehren sind geplant. Sie bieten Gelegenheit, unsere heutige Weltsicht mit derjenigen der Renaissance zu kontrastieren, in der Kunst, Wissenschaft, Formgebung und Entdeckertum so viel enger als heute beieinanderlagen, einer Sichtweise, die wir zumindest erahnen können, wenn wir uns in Leonardos Werk vertiefen.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wer die Welt durch die Augen eines Renaissance-Menschen sieht, so legt dieses Werk nahe, dem erscheinen alle wahrnehmbaren Details, alle vielfältigen Aspekte dieser Welt als Herausforderungen des Verstehens, als mögliche Ankerpunkte eigenen Schaffens. Ein solcher Blick lässt die Grenzen zwischen den Wissensdomänen durchlässig werden, die in unsere heutige spezialisierte Welt so nachdrücklich eingezogen wurden.

          Der Gang des Universalisten quer durch die Trennungsschranken

          Grenzen, die gleichwohl ignorieren, dass – wie Paul Valéry 1894 in seiner „Einführung in die Methode des Leonardo da Vinci“ zu bedenken gab – Künste und Wissenschaften letztendlich auf eine beiden zugrundeliegende, „gemeinsame geistige Habe“ zurückzuführen seien: letztlich einer besonderen Bereitschaft zum Aufspüren neuer Zusammenhänge zwischen Dingen und Ideen. Unterschiede zwischen beiden Disziplinen lägen nur in einer andersartigen Verfügung über diese gemeinsame Grundlage – und Leonardo da Vinci beherrschte alle ihre Spielweisen. Heute jedoch bringe ein Universalist vom Geiste Leonardos den modernen Menschen zur Verzweiflung, beide Naturen seien einfach zu verschieden: „Zum einen passt die Geduld, die einsinnige Richtung, die Spezialisierung und das Sichzeitnehmen. Der Verzicht auf selbständige Denkleistung macht seine Stärke aus. Der andere hingegen muss quer durch die Trennungsschranken und Scheidewände aus und ein gehen. Seine Aufgabe ist, sie zu durchbrechen“, so Valéry. Gilt diese Analyse auch in der Heimatstadt des Universalismus? Besitzt Leonardo heute noch irgendeine Geltung, vielleicht gar eine Vorbildfunktion für die Florentinische Forschung?

          Die altehrwürdigen physikalischen Institute befinden sich im Süden von Florenz auf den idyllischen Hügeln von Arcetri, auf denen sich blühende Obstbäume, Olivenhaine und Zypressen zwischen alten Villen und Bauernhöfen erstrecken. Die meisten Wissenschaftler arbeiten heute auf dem neu erbauten Campus in der Nähe des Flughafens, die alten Stätten sind zu klein geworden, doch einige der Physiker und Astronomen sind nach wie vor in den historischen Universitätsgebäuden zu finden. Insbesondere residiert hier das „Galileo Galilei Institut für Theoretische Physik“ (GGI), eine Begegnungsstätte für Wissenschaftler, die sich hier aus aller Welt für einige Wochen zu Workshops zusammenfinden, um drängende Forschungsfragen zu bearbeiten.

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