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Kulturgüter aus Afrika : Zeitenwende oder Ablasshandel?

  • -Aktualisiert am

Zurück nach Afrika? Kongolesische Holzgfiguren aus dem neunzehnten Jahrhundert. Bild: bpk / Ethnologisches Museum, SMB

Die Aufarbeitung des kolonialen Erbes ist mit Rückgaben allein nicht erledigt, schreibt Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: Der Dialog mit den Herkunftsgesellschaften sollte in eine gemeinsame Museumsarbeit münden.

          Seit einiger Zeit wird über den richtigen Umgang mit Kulturgütern aus kolonialem Kontext debattiert. Das Humboldt-Forum in Berlin wirkte dabei gleichermaßen als Projektionsfläche wie als Katalysator. Doch es geht nicht allein um das neue Schloss und die koloniale Vergangenheit Deutschlands, sondern längst um eine europäische Debatte. Die Rede des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron in Ouagadougou vom November 2017, in der er erstmals die Rückgabe afrikanischer Kulturgüter ankündigte, war ein Pauken- und Befreiungsschlag zugleich. Doch wie würde es weitergehen? Dies sollten Bénédicte Savoy und Felwine Sarr in einem Bericht an den französischen Präsidenten ausarbeiten, der noch vor seiner offiziellen Übergabe im Élysée an verschiedene Zeitungen durchgestochen wurde.

          Schon im Titel des Berichtes wird eine Maximalforderung ablesbar: „Die Restitution des afrikanischen Kulturerbes“. In mehreren Etappen sollten grundsätzlich alle Kulturgüter aus Afrika zurückgegeben werden. Dabei sei es gleichgültig, ob die Stücke aus militärischen Strafexpeditionen stammten, von Sammlern erworben oder bei Expeditionen von Forschern zusammengetragen wurden, denn es habe ja nur Deals zwischen Ungleichen gegeben, weshalb es sich per se um Unrechtskontexte handelte. Provenienzforschung und wissenschaftliche Aufarbeitung von Objektbiographien seien verzichtbar und würden doch nur vorgeschoben, um einen bereits erwiesenen Unrechtszustand beliebig zu perpetuieren. Die französischen Museen hätten nun Listen aller Objekte aus Afrika zu erstellen und den jeweiligen Staaten zu übergeben. Diese würden dann entscheiden, welche Stücke sie zurückhaben und welche sie künftig als Leihgaben in französischen Museen belassen wollten, ansonsten könnten sich Letztere ja auch mit Kopien und 3D-Reproduktionen behelfen.

          Die ersten Reaktionen auf das französische Papier in Deutschland sind geteilt. Die Anhänger postkolonialer Paradigmata sprechen von einer Zeitenwende, einer Entscheidung von globaler Bedeutung, von der es jetzt kein Zurück mehr gebe. Andere kritisieren dagegen den Jargon des Papiers, der von einer Ideologie des Sühnens und Büßens beherrscht sei, ohne der Komplexität des Themas gerecht zu werden. Der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, spricht gar von einem „Ablasshandel“ zur schnellen Reinwaschung von kolonialer Schuld, einem falschen Weg in die Zukunft.

          Einige Teilnehmer aus Afrika begrüßten den Vorschlag

          Sein Institut und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die im Kontext der Planungen zum Humboldt-Forum ja schon seit vielen Jahren gemeinsam intensive Netzwerke zu den Herkunftsländern aufbauen, hatten am 22. und 23. November 2018 Gäste aus aller Welt zu einer zweitägigen Fachtagung über den Umgang mit dem kolonialen Erbe nach Berlin-Dahlem eingeladen. Natürlich wurde dabei auch über den Bericht an Präsident Macron gesprochen, und doch war er nicht das alles beherrschende Thema. Einige Teilnehmer aus Afrika begrüßten den Vorschlag, andere hingegen halten solche Massenrückgaben für gar nicht realisierbar. Sie befürchten Streitigkeiten zwischen unterschiedlichen Anspruchstellern beziehungsweise Ethnien, außerdem kritisieren sie das Reduzieren auf simple Opfer-Täter-Geschichten, die eine neu zu entwickelnde, wirklich tragfähige gemeinsame Perspektive völlig aus dem Blick lasse.

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          Die beste Antwort gab aber der französische Präsident selbst, und zwar noch am selben Abend nach der Übergabe des Berichts. Danach seien in der Tat 26 Kunstwerke aus dem Palast des Königs Béhanzin, den französische Kolonialtruppen 1892 im Eroberungskrieg gegen das westafrikanische Königreich Dahomey zerstört und geplündert hatten, umgehend vom Musée du Quai Branly zu restituieren. Für Macron ein klarer Fall: Die Regierung des heutigen Staates Benin (früher Dahomey) fordert diese Stücke schon lange zurück. Darüber hinaus betonte der Präsident in seinem Communiqué, dass die Zusammenarbeit mit afrikanischen Staaten intensiviert werden müsse; dabei könne es zu weiteren Restitutionen kommen, doch sollten sehr wohl auch Ausstellungen, Austausch, Leihgaben und andere Kooperationsformen in Betracht gezogen werden. Eine mutige, kluge und richtungsweisende Entscheidung!

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