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75 Jahre Auschwitz-Befreiung : Vergessen Sie’s?

Besucher der Gedenkstätte Konzentrationslager Auschwitz im November des vergangenen Jahres. Bild: Francois Klein

Woran denken wir, wenn wir an Auschwitz denken: an eine Klassenfahrt, an Filmbilder, Fernsehserien? Über die Schwierigkeit, ans Unvorstellbare zu erinnern.

          7 Min.

          Auschwitz vergessen – geht das?

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ja.

          Es war vor vierzehn Jahren, eine Schulfahrt. Und was ist in Erinnerung? Der Tag verschwommen: Birkenau, die Riesenfelder; gepflegt, gesichtslos, grün. Der Abend dagegen deutlich, klar: Krakau, das Bier für wenig Geld, der süße Weißwein aus der Flasche. Ein schöner Junge, den alle Mädchen liebten, tanzte und zog sein Shirt aus, die Hose auch. Danach „Jack Rabbit Slim’s Twist Contest“. Und das war’s.

          „Erinnerst du dich noch an Auschwitz?“, sage ich am Telefon zu einem Freund – er war damals der Junge, der sich auszog. Daran erinnert er sich noch. „Wir hatten einen sehr entspannten Umgang mit der Vergangenheit“, sagt er.

          „Erinnerst du dich noch an Auschwitz?“, schreibe ich dann einer Freundin – sie war auch da, damals die Einzige, die nicht verliebt war in den schönen Jungen. „Ich weiß, dass es sehr kalt war und in Auschwitz extrem bedrückend.“ Sie schreibt vom Zeitzeugen, einem Partisanen, der dort etwas erzählt hat. Ja, aber was? „Seine Geschichte habe ich vergessen“, schreibt sie.

          Ist das Reden vom Erinnern auch eine Aneignung der Geschichten anderer?

          „Wir müssen uns an die Verbrechen erinnern“, sagte Angela Merkel im Dezember. Sie stand in Auschwitz vor schwarz gerahmten Aufnahmen der Toten: rechts eine junge Schönheit in weißer Federrobe, links ein religiöser Jude, mit Bart, mit Hut, viele Familienfotos, Kinder, die in Schwarzweiß noch lächeln konnten. Der Blick verliert sich in den Bildern. Wie soll Erinnern gehen? Und geht das überhaupt? Denn 1942 war ich nicht da und nicht geboren, kann mich nicht einmal an Auschwitz 2006 erinnern. Ist dieses Wort deshalb nicht völlig falsch? Ist dieses Reden vom Erinnern vielleicht doch eine böse, hinterhältige Aneignung der Geschichten anderer? Der Opfer? Der Geschichte von Ginette Kolinka zum Beispiel: Sie, jüdische Französin, war 19 und naiv, als sie im Zug saß, der ihren Vater, ihren Bruder und sie nach Auschwitz II gebracht hat, das schreibt Kolinka in ihrem Memoir „Rückkehr nach Birkenau“ (Aufbau Verlag), das jetzt erschienen ist. Es erzählt auch vom Tod des Vaters und des Bruders. Von den Gaskammern. Von 25 unendlichen Minuten, so lang hat es gedauert.

          Im Bett mit diesem Buch geschieht etwas Seltsames. Die Sätze von Kolinka ertrinken schnell in einem Bildermeer im Kopf: Baracken, Stacheldraht und Schäferhunde, Geschrei, Gewehre, Gaskammer, Sonderkommando, Tod. Es sind die Bilder aus den Hitler-, Nazi-, Schoa-Filmen, die immer wieder durch den Fernseher laufen. Es ist das Gefühl, das, was Kolinka schreibt, schon selbst gesehen zu haben. Es ist so falsch. Denn diese Fernsehbilder riechen nicht, sie schlagen nicht, sie töten nicht.

          Trotzdem verstellen sie den Kopf, verstellen das Erinnern. Erinnern aber muss man, so heißt es immer an den Jahrestagen, auch morgen, wenn der Befreiung von Auschwitz gedacht wird. Es geht dann selbstverständlich um eine Kollektiv-Erinnerung – nicht um persönliche, um irgendeinen Bier-nach-Auschwitz-Trip. Warum das Wir-Erinnern wichtig ist? Weil es um Zukunft geht. Weil nur ein Wir entscheiden kann, was später in Archiven, in Bibliotheken, in Museen bewahrt wird und was nicht, so ungefähr sagt es Aleida Assmann in „Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur“ (in neuer Auflage ab Februar bei C.H. Beck). Denn „Menschen entscheiden nicht nur für sich selbst, was sie erinnern wollen, (...) sondern auch gemeinsam über das, was auch in Zukunft noch Geltung behalten und für die Nachwelt erreichbar sein soll.“ Ja, Assmann hat natürlich recht. Sie gibt aber auch zu, dass es Probleme gibt. Das zeigen jedes Jahr Gedenkevents: Politiker besuchen gleiche Orte, benutzen gleiche Sätze, die richtig sind, doch in der Wiederholung leer. Erinnern wird so zum Ritual – vollkommen pietätvoll und völlig folgenlos. Es funktioniert nicht. Denn der Grund, weshalb wir uns erinnern sollen, heißt ja: „Nie wieder.“ Aber im deutschen Jetzt werden wieder Juden auf Straßen angegriffen, geschlagen und beschimpft. Im deutschen Jetzt wollte ein Mann in Halle die Synagoge stürmen, er tötete zwei Menschen.

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