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Belarus : Extremismus auf der Wäscheleine

  • -Aktualisiert am

Demonstrierende bei einer Veranstaltung in Minsk Bild: AP

Der Zweite Weltkrieg als Waffe: In Belarus vergleichen sowohl Opposition als auch die Staatsmacht den Gegner mit Faschisten.

          4 Min.

          Am 27. Januar, dem Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, stellten in dem Minsker Wohngebiet Serebrjanka Oppositionelle das Denkmal für die Ermordung der Minsker Juden nach. Auf einer Treppe reihten sie sich dicht an dicht, mit gesenkten Köpfen, einige trugen Plastik-Davidsterne und erinnerten so an die Erschießung von 600.000 Juden auf dem heutigen Territorium der Republik Belarus. Das lebende Bild vergegenwärtigt die Bronzegruppe des Bildhauers Alexander Finski, die im Jahr 2000 an dem trichterförmigen Mahnmal „Jama“ (belarussisch für Grube) im historischen Getto, das die deutschen Besatzer errichtet hatten, aufgestellt wurde. Doch einige der Protestierenden haben den Davidstern weiß-rot-weiß gefärbt, als Symbol für die seit dem vorigen August anhaltenden friedlichen Proteste im Land gegen die offenbar gefälschte Wiederwahl von Präsident Aleksandr Lukaschenka. Außerdem erkennt man auf einigen Sternen die Ziffernfolge 23.34 für den Paragraphen, nach dem in Belarus für die Teilnahme an illegalen Kundgebungen zweiwöchige Haftstrafen verhängt werden. Das Video, das die Aktion auf Youtube dokumentiert, stellt suggestiv die Jahreszahlen 1941-44 und 2020-21 nebeneinander.

          Viele, die in Minsk gegen Wahlfälschungen und staatliche Gewalt demonstrieren, sehen im Lukaschenka-Regime eine neue Form faschistischer Herrschaft, die sie physisch und in ihrer Würde bedroht. Schon im August hieß es, dass, wer Belarussisch sprach, brutaler behandelt worden sei als andere Eingesperrte. Das Bild Dutzender Verhafteter, die stundenlang mit erhobenen Händen vor der Mauer eines Minsker Gefängnisses ausharren mussten, hat sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Angesichts der Verschärfung der Repressionen seitens des Staates verbreitet sich bei einigen nun die Überzeugung, in Belarus drohe ein neuer Genozid.

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