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Russlands Zukunft : Was kommt nach Putin?

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Putin-Plakat: „Starker Präsident – starkes Russland!“ Bild: EPA

Wer Russlands neuer Präsident wird, ist schon vor der Wahl klar: Wladimir Putin. Die Opposition wird unterdrückt oder ist nicht gut aufgestellt. Das Land schafft die Politik, die Realität und seine Zukunft ab. Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Am 18. März wird Russlands Präsident Wladimir Putin im Amt bestätigt. Diese Formalität heißt nach der russischen Gesetzgebung immer noch „Präsidentenwahl“; ein unangenehmer Umstand, der einige Komplikationen mit sich bringt. Denn das Prozedere soll nicht nur die Dienstzeit des Amtsinhabers verlängern, sondern auch den obersten Posten mit immer neuer Legitimität versehen. Schließlich ist Russland (noch) keine Erbmonarchie von Gottes Gnaden.

          Ob das Volk inzwischen von seinem Herrscher müde ist oder ganz im Gegenteil ziemlich begeistert, lässt sich heute kaum noch sagen: Unabhängige soziologische Forschung wurde in der Russischen Föderation unter Putins Führung genauso zerschlagen wie oppositionelle Politik. So wurde zum Beispiel das unabhängige Meinungsforschungsinstitut Lewada-Zentrum zum „ausländischen Agenten“ erklärt und darf keine Umfragen zur Wahl führen. Was die Bürger allerdings mit Sicherheit wissen, ist, dass ihr nächster Präsident wieder Wladimir Putin heißt. Wozu also wählen gehen?

          Das stellt die Präsidentenadministration (AP), die de facto mächtigste Behörde im Lande, die unter anderem bestimmt, wer an welchen Wahlen teilnehmen darf, vor eine nicht geringe Herausforderung: Putin soll sein Mandat von einer überwältigenden Mehrheit der Bürger erhalten, wie aber bringt man diese in die Wahllokale? Einen echten Gegenkandidaten kann es nicht geben: Wenn sich jemand mit Putin wirklich messen wollen würde, käme es einer Rebellion gleich. Der Oppositionspolitiker Alexej Nawalnyj, der konsequent gegen Putin und sein Regime kämpft und tatsächlich Russlands Präsident werden will, wurde nicht zur Wahl zugelassen. Daraufhin rief Nawalnyj zum Boykott der Wahlen auf, was der AP zusätzliche Probleme bereitet: Eine geringe Wahlbeteiligung könnte Nawalnyj als seinen Erfolg verbuchen.

          Schillernde Kandidaten

          In der Hoffnung, dem Wahlprozess wenn nicht eine Intrige, so doch wenigstens eine ordentliche Unterhaltungsqualität zu verleihen, wurde eine Reihe von mehr oder minder schillernden Kandidaten aufgestellt. Boris Titow, Chef einer kleinen wirtschaftsliberalen Partei, ist gleichzeitig eine der sogenannten „Vertrauenspersonen“, also ehrenamtlichen Unterstützer des Kandidaten Putin. Die meisten anderen „Vertrauten“ sind Schauspieler und Popstars, die komplette Aufstellung der Schlagerkonzerte am Silvesterabend. Die Kommunisten treten diesmal mit einer Travestie-Nummer auf, von ihnen kandidiert der bis dato unbekannte LPG-Direktor Pawel Grudinin, der Stalin nicht nur verehrt, sondern ihn auch in seinem Äußeren nachahmt.

          Die Wahlwerbung konzentriert sich auf die Wahlbeteiligung, es wird viel mit viralen Bildern und Clips geworben, deren Herkunft sich manchmal nur mit Mühe zurückverfolgen lässt. Wählen soll sexy sein, suggerieren Poster im Männermagazin „Maxim“ und einer unbekannten Werbeagentur, im Wahllokal werde der Wähler von heißen Pin-up-Mädchen erwartet. Zum echten Hit wurde ein Video, das die Schrecken ausmalt, die drohen, falls der faule Wähler schwänzen sollte: Schwarze Soldaten und tuntige Schwule, die der Normalbürger bei sich aufnehmen muss, wenn sie von ihren Partnern verlassen wurden.

          Passende Wahlmotivation im Männermagazin „Maxim“
          Passende Wahlmotivation im Männermagazin „Maxim“ : Bild: Yuri Koltsov

          Doch für den meisten Spaß sorgt die Fernsehmoderatorin und Berufsprominente Xenija Sobtschak, die das liberale Lager verkörpern darf. Die 36-Jährige ist Tochter von Putins politischem Ziehvater Anatolij Sobtschak und Patentochter des Präsidenten. Ihr erklärtes Ziel ist es, Stimmen von Protestwählern zu sammeln, die anderenfalls Nawalnyjs Boykottaufruf Folge leisten könnten. Dafür ist ihr erlaubt, was für andere Kandidaten vollkommen unzulässig ist: Zum Beispiel zu behaupten, dass die Krim nach dem Völkerrecht ukrainisches Gebiet ist.

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