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Russische Intellektuelle : Der Tanz mit den Wölfen

  • -Aktualisiert am

Der russische Korruptionsentlarver Alexej Nawalnyj wird im September 2018 von Polizisten abgeführt. Bild: AFP

Zeugnis ablegen können: Kritische russische Intellektuelle üben die Kunst, innerhalb des Putin-Regimes Freiräume zu bewahren. Das gelingt nicht immer.

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          Je rascher Russland und Europa sich auseinanderentwickeln, desto tiefer wird der Graben zwischen den russischen Intellektuellen, die in den Westen emigriert, und denen, die im Land geblieben sind. Der Publizist und Rockmusikkritiker Artemi Troizki, der nach der Annexion der Krim aus Moskau nach Estland umzog, erklärte jüngst in einem vielbeachteten Post im Oppositionsportal „Nowaja gaseta“, dass ihn mit den Landsleuten, die heute in den Vereinigten Staaten, in Deutschland, Tschechien oder der Ukraine lebten, etwas Grundsätzliches verbinde, auch wenn er mit ihnen oft nicht einer Meinung sei. Gemeinsam sei allen ein ethisches Koordinatensystem, das Troizki traditionell europäisch nennt beziehungsweise rigoros protestantisch. Danach sei die Okkupation fremder Territorien inakzeptabel, so Troizki, ebenso käufliche Journalisten wie der kürzlich verstorbene Starmoderator Sergej Dorenko, dem liberale russische Intellektuelle gleichwohl hymnische Nachrufe gewidmet hätten.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Bereitschaft daheimgebliebener Freunde, mit den politischen Wölfen zu tanzen und moralische Kompromisse zu schließen, findet der Emigrant „orthodox“, verächtlich, und er weigert sich, sie zu verstehen. Darin fühlt er sich durch die Proteste gegen die Kirchenbaupläne in Jekaterinburg bestärkt, aber auch durch begeisterte russische Kommentare über seine Erinnerungen an Dorenko im Netz, die zeigten, dass krankmachende Kompromisse aus der Mode kämen. Jekaterinburg sei ein Menetekel, mahnt Troizki; das russische Babylon werde zerstört werden.

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